Manchen Abends stand dieser kleine Junge aus dem Haus an der Ecke auf dem Balkon und blickte gespannt auf die großen Wiesen hinaus. Zwar grüßte er, wenn man vorbei ging und zu ihm nach oben sah, doch grüßte er keine bestimmte Person, sondern nur eine kleine Veränderung innerhalb seines Blickwinkels, einen schwarzen Fleck oder die Fransen eines vorbei spazierenden, bunt karierten Schals.
Ein mit genügend Talent begnadeter Komponist hätte in jedem Fall eine passende Melodie unter dieses Szenario zu legen gewusst. Wie ein Kriegsveteran, nur ohne jede Zeichnung des Kampfes und der Anstrengung im Gesicht, dennoch eisern, blickte der kleine Kerl, die Hände fest auf die dicken Holzläufe gedrückt auf die schmale Waagerechte dort vor sich und fixierte nichts als sein Ziel. BAMM --- BAMM BAMM --- und Violinen.

Die Kinder aus der Schule hatten aufgehört ihn deswegen zu necken. Fast jeden Abend als Galionsfigur dort vor den Fenster zu stehen, schien ihn für alles zu entschädigen, was man Böses, aber auch Gutes über den Tag verteilt zu ihm gesagt haben musste. Einige der Nachbarn hielten ihn für verrückt, die etwas mehr gebildeten unter ihnen sprachen, bei jedem Male aufgeregt mit den Armen rudernd, von Katatonie und beginnendem Wahn. Wer weiß, was der schon für Sachen sieht, sagten sie und lehnten sich in ihren Schaukelstühlen zurück, während sie die Augenbrauen zusammen zogen und sich insgeheim wie Sherlock Holmes in Begriff sahen, einen kniffligen Fall mit Bravour zu lösen.

Wann er damit angefangen hatte wusste keiner mehr so recht. Auf jeden Fall schon immer, war man sich dann doch nach etwas Stillschweigen darüber ebenso still einig geworden.

Es gab wohl nur einen, der sich den Spekulationen nicht bereitwillig ergab, auch wenn er wohlmöglich größten Anlass dazu gehabt hätte. Wenn der alte Mann aus der Nummer zehn jeden Tag um acht Uhr morgens seine Wäsche auf die Leine hängte, nicht, weil sie dreckig war, sondern um der Tristesse seines Alleinseins zu entgehen und vielleicht eine hübsche Nachbarin auf dem Weg zur Arbeit im Hausflur anzutreffen, ließ er die gewaschenen Stücke sogleich nach dem Abnehmen im Korb neben der Türe stehen, um sie am Abend noch einmal durch die Maschine rattern zu lassen und sie am nächsten Morgen wieder aufhängen zu können. Er war alt, das sah man, niemand machte ihm wegen solcher Eigentümlichkeiten Vorwürfe, niemand machte sich überhaupt Gedanken darüber. Und er machte auch nichts mehr, bis auf die wirklich kindischen Versuche, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen.

An Tagen, an denen die Nachbarn Besuch bekamen, war nur der kleine Junge ein gelungenes Thema. Abends, es war schon schummrig, aber noch nicht dunkel geworden und man hatte Kerzen nach draußen geholt, ließ sich besonders gut auf ihn zeigen. Schaut mal, der da, du, ich sach' euch jetzt mal ...

Denn er stand immer noch da. Erst, wenn die letzte Ahnung eines Lichtschimmern verschwunden war, fuhr wieder Leben durch den zarten Körper. Er streckte sich gebührend aus, probierte die Funktion jedes Knochens aus und ging, wenn alles in Ordnung war, wieder beruhigt ins Haus zurück.

Vielleicht hätte ich die gesamte Nachbarschaft an einem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen in meinem Wohnzimmer versammeln sollen, um ihnen zu erzählen, was ich von diesem Kind wusste. Natürlich stand er nicht schon immer dort oben, auch sowieso nicht immer, sondern nur so lang, wie die Sonne zum Untergehen brauchte.

Ich kannte ja seinen Vater sehr gut. Wir hatten so manchen Abend bei schlechtem Wein und verbranntem Grillgut hier oder dort oben verbracht, auf die Straße geschaut, deren Ruhe gerade dann immer unangenehm wurde, wenn man keinen Gesprächsstoff mehr hatte. Was ihn nur von den restlichen Nachbarn unterschied, war, dass man mit ihm genauso gut schweigen konnte.

Dass alle Lieben tragisch enden, will ich gar nicht sagen, nur, dass es bei dieser eben einmal so war. Die Nachbarn hatten meinen Freund schon bald als Künstler identifiziert und dabei eher seine schmalen Schultern und die ein oder andere Träne in den Augen im Blick, als die mehr oder minder guten Bilder, die er meist nachts malte. Ob es leicht war, mit ihm zu leben? Das weiß ich doch nicht. Für seine Frau wahrscheinlich nicht, für ihn selbst sicher auch nicht.

Eines Morgens, als ich es mir auf der Gemeinschaftsterasse mit meinem Notebook bequem gemacht hatte, und eine Geschichte von einem ausgemergelten Löwen schreiben wollte, da sah ich ihn dann zum letzten Mal. Ich glaube, er hatte mich nicht gesehen, aber auch wenn er mich bemerkt hätte, hätte er mich sicher nicht sehen wollen. Seine ohnehin flache Brust schien an jenem Tag in sich zusammengefallen, oder von einem Schlag eingedrückt worden zu sein. Er schlürfte mit einer riesigen, schwarzen Mappe den erst halb gepflasterten Weg entlang. Hinter ihm trottete der Junge, damals noch wesentlich jünger, mit verheulten Gesicht und sichtlich ausgebrannt von den Streitereien, die er sich die Nacht über hatte mit anhören müssen.

Wir alle wissen, dass Kinder hart im Nehmen sind, aber trotzdem kennen wir ihre Schwäche, und vergessen sie, wenn wir älter sind. Dann beginnen wir zu glauben, dass sie nicht merken, wenn ärger in der Luft liegt und es besser für sie ist, wenn wir sie erst ins Bett schicken und dann das Haus zusammen schreien. Früher wussten wir mal bescheid, irgendwie muss das abhanden gekommen sein.

"Pass auf." sagte mein Saufkumpan und Philosophennachbar, Nachbarschaftsphilosoph, oder was auch immer, damals zu ihm. "Ich gehe dir nicht verloren, aber ich werde dort hingehen, wo du mich nicht sehen können wirst. Aber wenn du abends ins dein Bett gehst, kurz bevor dich der Schlaf übermannt noch einmal zum Fenster hinaus schaust und die Sonne untergehen siehst, dann sei beruhigt." "Warum?" schluchzte der Kleine weiter flennend. "Ich warte auf der anderen Seite", er machte eine Bewegung mit der rechten Hand, als könne er mit ihr an einmal um die Welt herum zeigen, "und borge mir für ein paar Stunden dein Tageslicht aus, wenn du schläfst." Er stieg in sein Auto. Er kurbelte die Scheibe ein letztes Mal herunter und deutete den Jungen zu sich heran. "Solang die Sonne jeden Abend untergeht, solang weisst du, dass ich dich nicht vergessen habe."

Danach fuhr er weg. Wohin, dass weiß jeder nur ungenau. Auf die andere Seite wahrscheinlich, wie er gesagt hatte.
Der immer größer werdende Junge, der mit heute schon bis zur Brust reicht, steht immer noch so oft an seinem Geländer und wartet, dass sie Sonne unter geht, sodass er beruhigt schlafen kann. Und die Nachbarn zetern bis heute, Der Alte hat den armen Jungen erst so gemacht., wenn sie der Wehmut überfällt und sie Gewissheit finden, nie das zu erfahren, was ich, das Kind und mein Freund auf der anderen Seite wissen.

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