Eigentlich habe ich damals nur deshalb alle Staffeln von Sex and the City geschaut, um irgendwann einen Hinweis darauf zu ergattern, wie Carrie ihr semi-pompöses Dasein überhaupt finanziert. Klar, viele ihrer Abende wird schlichtweg Mr Big bezahlt haben, aber das meine ich nicht. Die wöchentliche Kolumne, d.h. als sie noch nicht die Vogue belieferte, konnte unmöglich so viel abwerfen, dass sie sich eine Wohnung in Manhatten hätte leisten können. Und wenn doch, dann wollte ich das auch, zumindest ohne die Offenlegung meines Sexlebens, drei hyperaktive Freundinnen und einem Smokingmann, der mich mit seiner Limousine stalkt. Genau so, wie ich mir wünsche, das mich irgendein reicher Mensch anruft und sagt: "Hey André, ich würde dir gern monatlich 8333 Euro überweisen, einzige Bedingung, schreib mindestens einmal pro Woche irgendetwas über dein Leben."
Übrigens: 8333 Euro ist der Betrag, den man monatlich erhält, wenn man 10 Millionen Euro auf einem 1%ig verzinsten Konto hat und ausschließlich von den Zinsen leben will. Das habe ich mal ausgerechnet. 5000 Euro wären da auch völlig ok, 3000 Euro ebenso, aber wenn schon denn schon, dachte ich. Mit 8333 Euro kann man getrost auch immer Taxi fahren, aus Spaß ein iPad2 kaufen und es noch vorm Apple Store feierlich zertreten oder mal eben in die Eigentumswohnung nach New York fliegen.
À propos: Als Carrie später ihre Eigentumswohnung kaufte, musste ich natürlich wissen, wie teuer Wohnungen in Manhatten sind. Ich schaute nach und fand 60 Quadratmeter in der Upper Eastside für 90000 Euro, Finanzkrise sei dank. Wahrscheinlich ist das das Angebot meines Lebens gewesen. Clever vermietet an hippe Touristen, in Stand gehalten von einem billigen Hausmeister, vermietet durch eine findige Agentur, hatte ich ausgerechnet, hätte ich die Fixkosten in maximal 10 Jahren wieder gut gemacht gehabt und wäre bereit für reinen Gewinn gewesen, der mir ein bescheidenes Leben in Leipzig hätte finanzieren können. Nur 90000 Euro hatten mich damals von meinem Glück getrennt. Die hatte und habe ich nicht, aber es ist ein schöner Gedanke, dass ich womöglich bald ausgesorgt hätte, wäre damals alles anders verlaufen.
Früher wollte ich eine kurze Zeit lang Anwalt werden, allerdings nur, weil mein Opa einmal gesagt hatte, ein Anwalt müsse nur die Türklinke anfassen und hätte schon 100 Mark verdient. Das fand ich gut, Türklinken anfassen konnte ich, selbst wenn es, um auf rund 8333 Euro monatlich zu kommen, täglich um die 8 Stück sein mussten. Leider hatte sich dieser Plan schnell wieder zerschlagen, spätestens als ich in der ARD-Vorabendserie Nicht von schlechten Eltern nachhaltig von der Figur des Sohnes Moritz beeindruckt wurde, der schon während der Schulzeit mit Börsengeschäften ein Heidengeld machte und später in Paris wohnte. Ich wusste nicht, was er da genau tat, aber so mit Telefon und Modem ein Heidengeld verdienen, das erschien mir vernünftig und nachahmenswert.
Später war es dann eher die amerikanische Bohéme im französischen Quasiexil, die mir gefiel, Hemingway, Fitzgerald und so weiter, Korrespondent in der schönsten Stadt der Welt zu sein und eigentlich doch nur zu trinken und zu rauchen, das wollte ich auch. Wahrscheinlich, dachte ich, warten FAZ und Zeit nur darauf, dass ich ihnen endlich anböte, mich für sie im Ausland zu betrinken und darüber wöchentlich ein paar Zeilen aus mir heraus zu pressen. Auch aus Paris, Melbourne und Tokio erahnte ich großes Interesse an meiner Person, der ich als Ausländer in den großen Blättern darüber berichten könnte, wie komisch ich diese neuen Sitten und Länder so fände.
Auswandern wäre ja eine Alternative. Irgendwohin, wo ausgedehntes Schlafen, Seriengucken, Gitarrespielen und Texteschreiben als Schwerstarbeit bezeichnet und deshalb sehr gut bezahlt wird. Aber da studiere ich nun schon im fünften Jahr zu einem Drittel Kulturwissenschaften und trotzdem habe ich noch keinen Kulturkreis ausfindig machen können, in dem das der Fall ist. Glücklicherweise fehlt vielen Menschen die Einsicht, dass man nicht einfach irgendwo eine deutsche Bäckerei oder ein Café eröffnen kann und innerhalb von ein paar Monaten stinkreich wird, sonst würde Goodbye Deutschland gar nicht funktionieren. Allein, dass ich mich dazu bereit erklären würde, sogar die Sprache des fremden Landes zu lernen, ist bei solch einer Auswandererserie sicher schon ein Ausschlusskriterium.
Früher, als ich noch große Freude dabei empfand, alle möglichen Linuxdistributionen und BSD-Derivate auf meinem Computer zum Laufen zu bringen und Programmiersprachen zu lernen, für die ich keine echte Verwendung hatte, erleichterte es mich sehr, dass die Dokumentation Leben nach Microsoft einige Programmierer zeigte, die jeweils weniger als 10 Jahre während Boomzeit bei Microsoft gearbeitet hatten und anschließend so reich waren, dass sie tun und lassen konnten, was sie wollten. Ein paar Jahre härteste Programmierarbeit, 90 Stunden wöchentlich für den großen Meilenstein der Computergeschichte und danach verdiente Ruhe, das war gut. Auch wenn die Doku ein eher melancholisches Bild der Ex-Mitarbeiter zeigt, von denen die wenigsten wirkliche Erfüllung in ihrer Sorgenfreiheit finden konnten, sah ich genau das als beste Lösung an. Die Ausnutzung des Systems durch eine zeitweise völlige Hingabe, die anschließend komplette Unbehelligkeit von selbigem garantiert, perfekt.
Später arbeitete ich selbst in einer Programmierfirma und war alsbald den matschigen Kopf am Abend leid. Das wäre aber noch ok gewesen, nur darf es den Wunsch, etwas am Ende, in der Mitte, aber möglichst zeitig etwas Wichtiges geschaffen zu haben, nicht außer Acht lassen. Denn eigentlich ist es nachwievor diese gralheilige Kombination aus 1) Spaß an der Sache, 2) der Möglichkeit, damit auszukommen und 3) der Bedeutsamkeit desselben, was ich will. Klingt mal wieder total einfach. Hab es aber nicht umsonst mit dem heiligen Gral verglichen. Klasse.


Sandy - keine Hallenserin - Gott sei Dank!
28. März 2011
Das ist ganz großes Kino!!!!!!!!
Sandy Bieneck (via facebook)
28. März 2011
Ich bin restlos begeistert!!!!!!!!!!!!!!!
Ich soll keine Schleichwerbung machen.
30. März 2011
… immer Taxi fahren, finde ich die richtige Investition ;) Die Öffentlichen-Verkehrsmittel nerven mich auch total!
André
30. März 2011
Naja, ich komme mir immer sehr dekadent vor, wenn ich mal Taxi fahren muss.
Übrigens: Ich hoffe du machst diesen scheußlichen Werbejob in der Firma, für die du versuchtest Werbung zu verbreiten, aus existenzsichernden Gründen und hast gar keine andere Wahl, als so einen Job anzunehmen. Falls nicht, dann mögest du von 1000 Cosplayern gleichzeitig mit einem Pappmaché-Schwert dafür geschlagen werden.