Alles wie immer

18. Februar 2011, Litritscher

 

Dort, am Tisch, mit dem Gulasch, dem Rotkohl und den zwei Klößen vor mir, dachte ich es zum ersten Mal wirklich: Scheiße. Auf dem Bett am Fenster saß Christian und grinste, weil er wahrscheinlich gerade wieder einen Witz hörte, dann grinste er immer und kicherte manchmal leise. Ich aß nicht viel und man fragte mich, wie lange ich nicht mehr geschlafen hätte. Ich weiß nicht, sagte ich, zwei Nächte vielleicht und dachte dabei an die dankbaren ein, zwei Stunden davon, in denen jedes Mal die Erschöpfung siegte. Die zwei Faustan gehen aufs Haus, sagte man, ob ich rauchen könne, fragte ich, natürlich, aber das lieber jemand mitkäme, das wäre sicherer. Dann schwarz. Und drei Tage später wachst du auf, die Tabletten sind bereits in Wochenrationen einsortiert, vor dir steht die Mittagsportion. Und dann gibt es wieder Gulasch, weil es montags und freitags immer etwas Gutes gibt.
Und plötzlich wird alles wie immer.
Die Tabletten halten mich oben, wie der Auftrieb den Schwimmer
und es geht von selbst, du brauchst nichts tun, es geht von selbst.

Ein gutes Herz zu haben heißt noch lange nicht, über die richtige Einstellung zu verfügen, aber es ist immerhin ein Anfang, so könnte man die Schwestern beschreiben. Sie sind hübsch oder muttihaft, das müssen sie sein, sonst nimmt sie niemand ernst. Zimmer A023 ist perfekt, man kann direkt auf die Glastür schauen, die geschlossen ist und immer geschlossen bleibt, außer wenn sie jemanden herein lassen, den sie später wieder heraus lassen. Deine Besucher fragen dich, wie es dir geht. Aber was willst du schon erzählen? Dass der Ergotherapeut mittags eine Zange im Aufenthaltsraum vergessen und sich der dicke Mann mit den Schlappen aus Langeweile zwei Zähne gezogen hat? Dass er schreiend über den Gang und das Blut ihm auf seinen Wollpullover lief? Dann lieber gar nichts sagen und die weinenden Verwandten einfach ertragen. Das ist der Stolz, den sie dir immer wieder absprechen.
Denn eigentlich ist alles wie immer.
Die Tabletten halten mich oben, wie der Auftrieb den Schwimmer
Cyprexa, Hypnorex, Trevilor, Tavor, Clomipramin, Fluctin und Paroxtin, Remergil, Seroquel, Risperdal und Haloperidol
und es geht von selbst, es geht schon, keine Sorge, wirklich, es geht von selbst.

„Die wollen dich kaputt machen!“, sagt Frank, „Niklas, die wollen dich kaputt machen!“, sagt er und auch wenn er die Wahrheit sagt, scheint es doch schwer, ihm zu glauben, wenn er dich Niklas nennt, aus seinem überbordenden Bart heraus und ihm dabei ständig seine Hose herunter rutscht. Dem dicken Mann mit den Schlappen haben sie jetzt alle Zähne gezogen. Beim Essen jault er leise vor sich hin, weil so ein dicker Bauch gefüllt sein will. Der alte Mann, der Blutgruppe samt Rhesusfaktor auf den Arm tattooviert trägt, alles aus dem Krieg, der alte Mann versucht beim Essen zu sterben. Er lässt sich einfach vom Stuhl fallen. Es reicht, sagt er und alle essen weiter.
Da ist Wolfgang, der ist erst neunzehn, auch wenn sich sein Name nicht so anhört, den hat das Ectasy kaputt gemacht und jetzt kriegt er den Beat nicht mehr aus den Beinen. Und da ist der andere Mann, der übermorgen wirklich sterben wird, aber das weiß noch niemand. Wenn er dann stirbt, wird es heißen, er wäre hier gewesen, weil seine Angehörigen es nicht mehr ertragen hätten. Darum sind wir alle hier. Wir sind hier, weil wir untragbar geworden sind, jetzt sind wir unnahbar.
Ansonsten ist alles wie immer.
Die Tabletten halten uns oben, wie der Auftrieb die Schwimmer,
bitte macht euch keine Sorgen, man kümmert sich gut um uns, es steht immer Kaffee bereit
und es geht von selbst, es kommen ja auch immer Neue dazu, es geht von selbst.

Aber hier kann man nur fett werden. Hier kann man erst einmal richtig wahnsinnig werden. Julia hat es geschafft, ihre Schwester ist da und freut sich, dass sie Julia tatsächlich mitnehmen darf. Jetzt gibt es niemanden mehr, der ein paar rote Schlafkugeln gegen etwas Gras tauschen würde. Der Arzt sagt „Auf Wiedersehen“ und eine Schwester geht mit, die hat Feierabend und geht abends noch weg. Zu uns kommt abends nur die Polizei und bringt ein wildes Mädchen. Man hat ihr die Haare geschoren, damit sie sich die nicht ausreißen kann. Aber sie kommt mit den Händen eh nicht bis zum Kopf, wenn sie erst einmal fixiert ist. Sie ist unsere Party. Und drei Tage später, genau zum Mittagessen, ist auch Julia wieder da, mit neuen, weißen Stulpen von den Handgelenken bis hoch zu den Armbeugen. Der Arzt sagt „Willkommen zurück!“ Man kann es drehen uns wenden, wie man will, sagt Frank, wenn man sich zu dumm anstellt, ist man erst richtig am Arsch.
Und sofort ist alles wie immer.
Die Tabletten halten uns oben, wie der Auftrieb die Schwimmer,
wenn wir fallen, werden wir weinen,
vor Glück*.

Lest drüberleben.

* Die letzten beiden Zeilen habe ich mir dreisterweise aus Samuel Becketts Endspiel geklaut und abgewandelt.

2 Kommentare

  1. Alex

    18. Februar 2011

    Großartig, André.

  2. Jessica

    22. Februar 2011

    Gut beschrieben. Ich frag mich wo es schlimmer ist, dort drinnen oder hier draußen.

Sag der Welt deine Meinung

Ich liebe Kommentare! Bitte lass dich nicht davon abhalten, mich zu beglückwünschen oder zu kritisieren. Falls du das nicht öffentlich tun willst, schreib mir einfach eine E-Mail. Ich freue mich immer über Post, außer es geht um Penisverlängerungen: post [at] andreherrmann [punkt] de

Connect with Facebook


 
Mehr aus Litritscher