Airen: I Am Airen Man

27. April 2010, Tribut

 

I AM AIREN MANAuf der Buchmesse wollte mir der böse Standazubi kein Exemplar verkaufen. Sicher hatte er vielen vorher die gleiche Absage gegeben und einige werden darauf einfach mit Diebstahl reagiert haben. Vor ein paar Wochen schließlich habe ich es dann per Post bekommen, mittlerweile auch endlich lesen können, den Nachfolger zu Strobo, Airens I Am Airen Man.

Vielleicht zuerst etwas Grundsätzliches. Buchmesse, Hype, der sinnlose Versuch einer SPIEGEL-Satire, bei Strobo lief alles noch etwas anders. Der kleine SuKuLTuR-Verlag bastelte 2009 das Buch, druckte 1000 Exemplare davon, ein paar Blogger schrieben Rezensionen, alles im Kleinen, sodass die Kulturredakteure nach dem Helene-Akt einen winzigen Kosmos der Beschäftigung mit dem Buch vorfinden und ihn 'Szene' nennen konnten. Das kleine Echte neben dem großen Mashup. Klar, dass sich die Welle der hegemannschen Empörung nicht ewig halten würde, weshalb sich der Blumenbar-Verlag dafür anbot, ein zweites Buch zu veröffentlichen, quasi als direkte Reaktion auf die Aktionen des Berliner Mädchens. Dieses Mal dann waren die Rezensionen direkt zum Start des Buches in den Feuilletons, teils böse, teils wohlwollend. Wer weiß, ob es da noch eine Meinung mehr benötigt, egal.

Ende März 2010 kam es dann auch raus, gerade einmal 7 Monate nach dem Erstling und beinhaltet genau die damals von mir vermissten Mexico-Geschichten. Warum man unbedingt 'Roman' vorn draufschreiben musste, weiß ich nicht. Ich kenne nicht die genaue Defintion eines Romans, aber wahrscheinlich wollte man den Lesern und Rezensenten einfach die Kategorisierungsarbeit ersparen. Für mich ist es genau so sehr und so wenig ein Roman, wie Strobo einer war: eine große Episode, unterteilt in viele kleine Texte, viele kleine Spannungsbögen, sehr deskriptiv und flüssig. Es bleibt dabei, Airen kann sehr real schreiben.

Als Wirtschaftler würde man der großen Rahmenhandlung diesmal vielleicht trotzdem den Stempel 'Entschleunigung' aufdrücken. I Am Airen Man ist deutlich langsamer als Strobo, gesetzter und behandelt eher das Runterkommen nach Strobo und das Finden eines neuen Halts in der Liebe zu Nancy, die letztendlich zu Kind, Umzug nach Berlin und einen letzten Besuch im Berghain führt. Solch ein Ende kann man ihm vorwerfen, es macht aber auch dann genau keinen Sinn, wenn die Vorlage dazu die literarisch verarbeitete Wirklichkeit war. Das ist kein Schutz vor Kritik, aber man sollte es im Hinterkopf behalten. Vielleicht reicht diese sehr direkte, reale Schreibe, die fast ausschließlich der 1.-Person-Präsens-Form zu bleibt, auch nur für genau diese beiden Handlungen, das Abgehen und das Runterkommen, auf die nächste Runde darf man also gespannt sein.
Ein kleiner Wermutstropfen der Texte allerdings, die bereits im Blog oder in Strobo auftauchten, ist, dass man sich mittendrin an sie erinnert bzw. beim Lesen die ganze Zeit rätselt, wo man dieses oder jenes bereits gelesen hat. Nichtsdestotrotz ist es viel schöner, die Texte in der Hand zu haben und nach Belieben aus dem Regal ziehen zu können, ohne dazu am Rechner sitzen und die Texte erst suchen zu müssen. Denn wie viele Blogs haben zu Strobo und I Am Airen Man beigetragen, 4, 5, 6 oder mehr?

Auch wenn I Am Airen Man sehr schnell auf den Skandal folgte, wird es die Verkäufe von Axolotl Roadkill nicht rückgängig machen, maximal eindämmen können. Ich wage sogar zu befürchten, dass sich mancher gar kein eigenes Bild von der Sache machen und sich quasi vom Medien-Buhei um die Plagiatsvorwürfe diktieren lassen will, auch das 'Original' zu lesen. Um wenigstens mich dort ausnehmen zu können, habe ich umgekehrt auch Axolotl Roadkill gelesen und konnte relativ wenig damit anfangen. Es sind zwei verschiedene Bücher, allein hat Helene Hegemann sich an sehr vielen Stellen aus Strobo bedient, was ihr Buch zwar zum Plagiat, aber nicht zum Abklatsch macht. Es vermag durchaus auch von selbst mit wenig Handlung sehr nervenaufreibend und langatmig zu lesen zu sein. Der Knackpunkt der ganzen Diskussion ist doch vielmehr, dass das Feuilleton hat Helene Hegemann erst in den Himmel steigen und dann abstürzen lassen, ohne sich dabei einzugestehen, dass es selbst an diesem Auf und Ab schuld war. Die Szenerie war für uns Deutsche, die wir immer noch nach dem Genie zu suchen scheinen, einfach zu einladend.

Im Herbst 2010 soll bei Ullstein nun die Taschenbuchausgabe von Strobo erscheinen, um dem Buch nochmals neuen Wind und womöglich die Öffentlichkeit zu geben, die es vorher erst durch die widrigen Umstände hat bekommen dürfen. Ob das nun ein Schritt ist, den man nehmen sollte, kann ich nicht beurteilen. Ich jedenfalls möchte nicht jene/r Ullstein-Lektor/in sein, in dessen Schublade auch nicht alle Schuld zu suchen ist. Es zeugt jedenfalls von Größe, an Airens Stelle genau dort nachzugeben, während sich eine wahrscheinlich ironisch gemeinte editorische Notiz à la "Airen hat für den vorliegenden Roman Texte aus seinem Blog verwendet und sich dies selbst genehmigt." völlig unnötig auf das Niveau des erst jubelnden und dann nachtretenden Feuilletons herablässt. Hoffen wir einfach, dass sich der SuKuLTuR-Verlag die Taschenbuchausgabe anständig hat entlohnen lassen und das Airen in Zukunft auch ohne die skandalbehaftete Hilfe Anderer seine Öffentlichkeit bekommt. Verdient hat er's.

Airen: I Am Airen Man
Blumenbar, 176 Seiten
17,20 Euro
ISBN-10: 3936738858
ISBN-13: 978-3936738858 Pick It!

4 Kommentare

  1. M. Fertigmensch

    27. April 2010

    Oh Gott, jetzt hast du mir wahrscheinlich das halbe Buch gespoilert. Ich hab doch erst angefangen zu lesen. Buhuhuhuhuhu.

  2. André Herrmann

    27. April 2010

    Wegen den paar Sätzen zum eigentlichen Inhalt? War keine Absicht jedenfalls, sorry.

  3. M. Fertigmensch

    27. April 2010

    Ja, die interessanten Meilensteine Frau, Kind, Berlin und letztes Mal Berghain klingen so, als käme da nicht mehr viel. Ich hoffe allerdings doch.

    Ich meine, dass er gern möglich oft und viele Drogen nimmt und Sex mit Männern und Frauen jeglicher Form und Farbe hat, ist nun nichts mehr, was einen beeindruckt. Interessiert mich auch eher weniger, wie er seine Flashs erlebt und welchen Schwanz er dann lutscht.

    Ich such da eher nach sowas wie einer Moral, oder so. Einem Grund, warum es diese Bücher überhaupt gibt. Ist bis jetzt leider nicht so viel innovatives dabei rumgekommen.

  4. André Herrmann

    27. April 2010

    Das richtig interessante an Entwicklungsromanen ist doch aber immer die Entwicklung. Wirst schon etwas finden.

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