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50 Shades of nee, ey [4]

Was gehypte Literatur angeht, bin ich ein Mainstreamer vor dem Herren. Ich musste einfach Twilight und The Hunger Games lesen. Jetzt also die 50 Shades-Trilogie. Viele Leute haben bereits darüber gesprochen und geschrieben, obgleich ich bezweifle, dass viele von ihnen sie überhaupt gelesen haben. Das mache ich anders. Ich lese sie. Und damit man einen Eindruck davon bekommt, was ich dabei durchlebe, hier mein gestückelter Erfahrungsbericht.

Wir befinden uns bei Teil 1 – 50 Shades of Grey (englische Ausgabe), Kapitel 18 bis 26 (100%).

Hier geht’s zu (Buch 1) Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Hier geht’s zu (Buch 2) Teil 5, Teil 6, Teil 7.

Hier geht’s zu (Buch 3) Teil 8, Teil 9, Teil 10.

Achtung, Spoiler:

Wir wissen mittlerweile, dass Christian auch mal eine Zeit in seinem Leben hatte, in der er hat Hunger und irgendwelche andere schlimme Dinge leiden müssen, weswegen er beispielsweise nicht angefasst werden will. Wir wissen, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sind, sondern es da irgendetwas Anderes gibt. Wir wissen auch, dass er ab seinem fünfzehnten Lebensjahr von einer Freudin seiner Mutter, einer gewissen Mrs Robinson in die Geheimnisse des BDSM-Milieus eingeführt wurde, was ihn komplett geläutert und auf den rechten Weg gebracht hat.

Nachdem Ana von Seattles Star-Gynäkologin die Pille verschrieben bekommen hat, zeigt ihr der immer noch sehr mysteriöse Christian Grey, wie sie sich in Zukunft im Rahmen ihres Abkommens zu verhalten hat. Zwar hat sie bis heute noch nichts unterschrieben, willigt aber ein, von jetzt an, wann immer es Christian verlangt, nur im Schlüpfer in der Ecke des SM-Zimmers zu knien und darauf zu warten, dass Christian etwas mit ihr anstellt. Als Erstes demonstriert er ihr dann eine Reitpeitsche. Allerdings tut er Ana natürlich nicht wirklich weh, denn das würde er ja nie tun, weil sich sonst das Buch nicht wie geschnitten Brot verkaufen würde er Ana doch nie etwas zu Leide tun könnte, es sei denn, sie hätten es vorher vertraglich festgelegt.

Laut Erzählerin ist Ana eine sehr selbstbestimmte und freie Frau, deren Selbstbestimmtheit sich allerdings immer nur darin zeigt, dass sie alles tut, was Christian Grey von ihr verlangt, dauernd Geschenke von ihm annimmt und ihm höchstens mal nachts in einer gesalzenen Mail schreibt, dass sie es doof findet, dass sie nie seine Brust anfassen darf und er er ja gar nicht so ist, wie sie es aus den pinken Mädchenzeitschriften kennt. Weil sich Ana Christian gegenüber manchmal aber auch total aus dem Fenster lehnt und fast mit den Augen rollt, hat er ihr beim Reitpeitschenspiel aus Rache ihren Schlüpfer geklaut. Als sie sich nun für das bevor stehende Essen mit Christians Eltern fertig machen will, beschließt sie, aus Rache ihrerseits einfach ohne Schlüpfer dort aufzutauchen (glücklicherweise ist das Kleid eng und geht übers Knie!), krass.

Das Essen mit Christians Eltern ist auch nahezu perfekt. Anastasias Mitbewohnerin Kate und Christians Bruder Elliot sind auch da, dazu noch Christians 14-jährige Schwester Mia und die beiden Eltern, die natürlich völlig überwältigt sind von Ana und der Tatsache, dass Christian doch nicht schwul ist (ein Glück aber auch!). Trotzdem muss die doofe Kate, die neuerdings immer ganz fies gegen Christian schießt, obwohl sie doch gar keine Ahnung hat, wie kompliziert es ist, mit einem so mysteriösen und gutaussehenden Mann zusammen zu sein, dann damit herausplatzen, dass Ana die kommende Woche bei ihrer Mutter in Georgia verbringen will. Dort will sie das alles mit Christian und Uni-Abschluss und der Job-Suche nochmal in Ruhe Revue passieren lassen. Christian ist selbstredend völlig angepisst von so viel Eigenständigkeit und Geheimnistuerei, sodass er Ana am liebsten direkt auf dem Esstisch bestrafen würde. Weil das aber nur so semigut ankäme, nimmt er sie kurz darauf mit ins Boothaus, bringt sie fast zum Orgasmus und verbietet ihr dann, das Ganze selbst zu Ende zu bringen, damit sie ganz doll frustriert ist. Fieser Kerl.

Es ist jetzt auch alles ganz schwierig mit den beiden, sodass Christian sich eingestehen muss, dass er, um Ana bei sich halten zu können, auch ein bisschen von dem ganzen Liebespärchenkram mitmachen muss, den sie bei Twilight die ganze Zeit machen. Aber er wird sich Mühe geben, wenn auch Ana sich Mühe gibt, ein bisschen mehr Gepeitsche auszuhalten. Trotzdem kommen die beiden nie so wirklich zum Reden, denn sie müssen ja dauernd diesen ewig gleich beschriebenen immer wieder neuen und aufregenden Blümchensex Ich-hau-dir-dabei-auch-mal-ganz-leicht-auf-den-Hintern-Sex haben. Sie einigen sich dennoch darauf, dass Ana in Georgia mal darüber nachdenken wird, ob sie nun endlich den Vertrag unterschreibt. Solang das jedoch noch nicht geschehen ist, will sie für ihre Bereitschaft, Christian Greys Puppe zu spielen, wenigstens ein paar Hintergrundberichte zu seiner Person. So erfährt sie einen Tag vor ihren beiden anstehenden Bewerbungsgesprächen zum Beispiel, dass Christian Greys leibliche Mutter starb, als er vier Jahre alt war (hier bitte Gewittersound vorstellen). Später wird sie noch erfahren, dass seine Mutter eine Crackhure war, aber so weit sind wir noch nicht.

Die Job-Interviews jedenfalls laufen so mittel. Das heißt, natürlich läuft das Interview für den einen Job, den Anastasia unbedingt haben will, fantastisch und nur die anderen mittel. Wir wissen, worauf das hinaus laufen wird. Gleich darauf macht sich Ana auf Richtung Flughafen und damit auch in Richtung Georgia und Mutti. Weil Christian quasi der beste Stalker der Welt ist und alle Firmenchefs der Welt seine Kumpels sind, hat er Anas Flug direkt mal auf die erste Klasse upgraden lassen, was sie wiederum natürlich wieder total schlimm findet, aber natürlich auch gern hinnimmt. So läuft das eben. In Georgia hängt Ana den ganzen Tag mit ihrer Mutter am Beach ab und hadert mit ihrer vertrackten Beziehung zu Christian, wobei letztere, immerhin schon viermal verheiratet und ein absoluter Männer-Crack, mal ein paar Wahrheiten zur Mann-Frau-Beziehung dropt: Männer meinen immer das, was sie sagen, weshalb Frauen mal weniger komisch sein und einfach glauben sollen, was der Mann sagt. Heißt: Christian Grey vermisst Ana vermutlich wirklich. Und er will sich wirklich Mühe geben mit dem Beziehungszeug, eternal love, Kopf-auf-die-Brust-legen und Gemeinsam-in-Löffelchenstellung-einschlafen.

Aber Ana wäre nicht Ana, wenn sie nicht allein per Internet mal etwas Klasse zeigen könnte, weshalb sie Christian wieder ein paar toughe Mails schreibt, in denen sie klar stellt, dass sie es gar nicht cool findet, wenn Christian sich noch immer (strictly business) mit Mrs Robinson trifft, um mit ihr statt mit Ana seine Gefühlswelt zu teilen, was Christian wiederum dazu inspiriert, mal eben acht Stunden lang nach Georgia zu fliegen (klar) und Ana nebst Mutti beim Cosmopolitain-Trinken zu überraschen. Dabei stellt auch Anas Mutter fest, was wir quasi noch gar nicht wussten: Christian Grey ist unglaublich gutaussehend und mysteriös! Trotzdem wird Ana total eifersüchtig auf Mrs Robinson und seine vorherigen 15 Sklavinnen und will jetzt endlich mal geklärt wissen, ob sie auch nur eine der vielen Gespielinnen ist, muss dann aber doch wieder ‚wilden‘ Badewannensex machen, naja. (Dass sie gerade ihre Periode hat und Christian ihr deshalb noch schnell fachmännisch den Tampon entfernt, hätte ich nicht unbedingt wissen müssen.)

Obwohl sie seit gut 400 Seiten zweifelte, wird sich Ana nun doch mehr und mehr sicher, dass das mit Christian die ganz große eternal love ist und dass sie ihm seine komischen BDSM-Vorlieben schon wieder wird aberziehen können. Schließlich benutzt sie ja immerhin schon seine Zahnbürste (dafuq?) und manchmal sagen sie sogar gleichzeitig dasselbe, so fast wie Seelenverwandte (urgs). Außerdem ist Christian, und das kann man laut Autorin wahrlich nicht oft genug sagen, der mysteriöseste und gleichzeitig hübscheste Mann der Welt, quasi „Sex on legs“, wie Ana es nennt, den man auf gar keinen Fall verlieren möchte. Zudem hat die selbstbestimmte Ana ja direkt mal ihr ganzes Leben auf diesen Mann ausgerichtet, seit sie ihn das erste Mal vor zwei Wochen (!) getroffen hat. Und das macht man ja nicht für jeden. Auch wenn Christian ironischerweise ihr allererster Kontakt mit Männern ist. Aber so kleinlich wollen wir gar nicht sein. Außerdem schläft Christian sogar mit ihr in einem Bett, was fast so aussieht, als könnte das jetzt wirklich klappen. Noch dazu nimmt Christian sie dann am nächsten Morgen mit zum Segelfliegen, weil er ihr unbedingt den Sonnenaufgang aus dem Cockpit zeigen will. Danach gehen sie sogar total romantisch im Morgengrauen Pfannkuchen essen und alles scheint perfekt. Wer jetzt noch nicht für lauter Kitsch ins Buch gebrochen hat, erfährt, dass Christian p-l-ö-t-z-l-i-c-h Hals über Kopf wieder abreisen muss und Ana mit wieder aufkeimenden Zweifeln bei Mutti zurück lässt. Und dann passiert es.

Ana bekommt den ersehnten Job bei dem kleinen Superverlag in Seattle, wer hätte das gedacht?! Weil sie schon am Montag anfangen muss, fliegt auch sie zurück nach Seattle und trifft dort Christian, der gerade dieses große Problem löst, das plötzlich aufgekommen ist und von dem man nie erfährt, was es eigentlich ist. Weil er nebenbei noch Zeit hat, kettet er Ana im Spielzimmer ans Bett und weiht sie in die Kunst des Floggings ein, was Ana allerdings nur noch halb so cool, aber doch irgendwie okay findet. Trotzdem wurmt es sie, dass Christians Stimmung dauernd so schwankt, dass er einerseits eternal love, andererseits sie auch dauernd auspeitschen will. Außerdem findet sie es doof, dass sie nur, weil Christian von einer Crackhure (ich zitiere hier nur Termini) auf die Welt gebracht und als menschlicher Aschenbecher benutzt wurde, seine Brust nicht anfassen darf. Schließlich fühlt sie sich als Frau ja nur dann als Ganzes, wenn sie sich komplett einem Mann hingeben kann. Christian drängt weiter auf die Unterzeichnung des Vertrags, obgleich Ana glaubte, durch ihr taktierendes Aufschieben diesen längst obsolet gemacht zu haben. Doch Christian meint, dass das bisschen Gepeitsche und Auf-den-Po-hauen noch gar nicht das ist, was er eigentlich will. Also beschließt Ana, das Ganze mal zu testen und wird daraufhin von Christian mit voller Kraft mit einem Gürtel bearbeitet. Wimmernd liegt sie anschließend im Bett und ist von allen Geistern verlassen. Liebt Christian sie wirklich? Kann sie so etwas tatsächlich aushalten? Mehrmals hat er ihr gesagt, dass sie er auf gar keinen Fall verlieren will, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie von Freitag bis Sonntag immer im Schlüpfer im Playroom auf Befehle wartet. Zwar gesteht sie Christian nochmals ihre Liebe und auch er spürt da auf jeden Fall etwas, aber er gibt sich völlig geschockt: Nee, Liebe meinte er nicht, das kann er nicht. Und dann tut Ana das erste Mal etwas Vernünftiges und geht. Lässt sich natürlich noch vom Chaffeur nach Hause fahren, gibt aber zumindest ihren gesponsorten Laptop ab und kommt zu dem einzigen Schluss, den eine selbstbestimmte junge Frau in dieser Situation treffen kann: „Shit, I’ve left him. […] I’m a complete failure.“ Klar.

Liebe E L James, ich hätte nie gedacht, dass ein Buch gleichzeitig so langweilig und kommerziell so erfolgreich sein kann. Glücklicherweise sehe nicht nur ich das so, sondern z.B. auch diese fabelhafte Rezensension bei Amazon trifft den Nagel hundertprozentig auf den Kopf. Warum die Bücher trotzdem so erfolgreich und sogar von Bedeutung für das Verlagswesen sind, beschreibt diese Rezension ziemlich gut. Dennoch ist das Buch schlecht geschrieben und hat den literarischen Wert einer Biotonne, die Story ist öde und konstruiert, das Frauenbild, das Anastasia abgibt, eine reine Katastrophe und der ach so heftige Sex ist sowas von unkrass, dass man schon beim dritten Mal einfach weiterblättert. Dass das Ende dann tatsächlich irgendwie gut rüberkommt, liegt allein daran, dass es endlich mal eine Abwechslung vom ewig gleichen ‚Er ist so hübsch‘, ‚Sie ist so hübsch‘, ‚Er ist so mysteriös‘, ‚Sie ist so anders‘ usw. ist. Ich hoffe, die beiden Fortsetzungen enthalten ausschließlich leere Seiten. Ich bin gespannt. Mehr oder weniger.

In Kategorie: Kritikaster

7 Kommentare

  1. birke

    50 shades of trash… danke für dein erquickliches referat (noch nicht alles gelesen)… und ich hatte mich letzte woche schon gewundert, warum sich in unserer 100000 armseeligen gemeinde in kinonähe kein parkplatz mehr fand.
    hatte keine ahnung. zwischenzeitlich weiss ich bescheid und dank dir heute sehr viel gelacht. das ist das volk! yes. und es sieht so gut dabei aus ;) verdammt :-)))

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