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50 Shades of nee, ey [2]

Was gehypte Literatur angeht, bin ich ein Mainstreamer vor dem Herren. Ich musste einfach Twilight und The Hunger Games lesen. Jetzt also die 50 Shades-Trilogie. Viele Leute haben bereits darüber gesprochen und geschrieben, obgleich ich bezweifle, dass viele von ihnen sie überhaupt gelesen haben. Das mache ich anders. Ich lese sie. Und damit man einen Eindruck davon bekommt, was ich dabei durchlebe, hier mein gestückelter Erfahrungsbericht.

Wir befinden uns bei Teil 1 – 50 Shades of Grey (englische Ausgabe), Kapitel 6 bis 10 (34%).

Hier geht’s zu (Buch 1) Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Hier geht’s zu (Buch 2) Teil 5, Teil 6, Teil 7.

Hier geht’s zu (Buch 3) Teil 8, Teil 9, Teil 10.

Achtung, Spoiler:

Nachdem Anastasia von Christian Grey in einem Audi SUV (hey, das ist ganz sicher keine Schleichwerbung!) von der Arbeit im Baumarkt (ich finde es immer noch witzig) abgeholt wurde, geht es direkt zum Privathubschrauber. Fasziniert beobachtet Ana, wie harsch Christian während der Fahrt ein paar Business-Telefonate erledigt und wie bestimmend er dabei rüberkommt. Natürlich kann Christian Grey auch ohne fremde Hilfe Hubschrauber fliegen (und falls ich es noch nicht erwähnt hatte: Er sieht unglaublich gut aus!) und so fliegen er und Ana über das nächtliche Portland nach Seattle, wo der mysteriöse (und wahnsinnig gut aussehende) Christian Grey seine Mansardenwohnung ein Penthouse besitzt.

Die ganze Geschichte wäre nicht so herrlich zurückhaltend und unaufgeregt, wenn Christian Grey nicht auch noch einen eigenen Hubschrauberlandeplatz mitten auf dem Dach hätte. Und selbstredend ist seine Wohnung mehrstöckig, unendlich groß und voller exquisit ausgesuchter Kunst. Man muss einfach fasziniert sein von diesem mysteriösen 27-Jährigen Multimilliardär. Als er Anastasia durch seine klassische Studentenbude geführt hat, kommt Christian dann doch ziemlich schnell zur Sache: Ana soll eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, die ihr verbietet, jedwede Information über alles, was sie von Mr Grey erfährt oder mit ihm machen könnte (hoho), für sich zu behalten. Nicht einmal ihre tratschige Mitbewohnerin Kate soll davon erfahren. Für Ana ist das jedoch kein Problem, sie unterschreibt die Erklärung ungelesen, denn sie würde niemals auch nur mit irgendwem über Christian Grey und seine Vorlieben reden (okay, vielleicht später ein bisschen mit Kate, aber das muss Christian ja jetzt noch nicht wissen), wenn sie denn nur endlich mit ihm ins Bett könnte.

Weil es bis hierhin so gut lief, legt Christian dann aber doch noch eine Schippe drauf und bringt Ana in seinen Playroom, denn, wie wir wissen, ist Christian Greys Geschmack in jeder Hinsicht ein ganz besonderer. Der Playroom jedenfalls ist ein klassischer SM-Raum, wie ihn sich jeder Selfmade-Multimilliardär typischerweise ins zweite Stockwerk seines Penthouses einbauen lässt, und beinhaltet alles, was sich der Lack- und Lederfreund von Welt so wünscht: Ketten, Peitschen, Stücke, Gurte usw. usf. Ana ist ein wenig geschockt, denn während sie bis dato auf ein bisschen Blümchensex gehofft hat, so hat sich das spätestens in diesem Raum erledigt. Es folgt der bisher beste Dialog des ganzen Buches: „‚Does this mean you’re going to make love to me tonight, Christian?‘ […] ‚No, Anastasia, it doesn’t. First, I don’t make love. I fuck … hard.'“ – Oh. Emm. Dschiieh. Christian ist allerdings ein total verständnisvoller (und gut aussehender) Typ und sagt, dass sie sich das alles in Ruhe überlegen solle und darüber hinaus nie etwas geschehen würde, was sie nicht vorher im Vertrag (im Vertrag!) festgelegt hätte.

Der ominöse Vertrag, den Ana daraufhin vorgelegt bekommt, würde Amnesty International vermutlich die Haare zu Berge stehen lassen. Ana soll Christian als Untergebene mindestens einmal pro Woche für 24 Stunden nahezu vollständige Kontrolle über sich geben Total obidience, Bestrafung, dies das. Dazwischen muss sie viermal wöchentlich Sport machen, jede Nacht mindestens sieben Stunden schlafen, regelmäßig essen (aber nicht naschen!), sich komplett rasieren, sie darf nicht rauchen, nicht übermäßig Alkohol trinken und muss absolut monogam bleiben (würde ja sonst in Nordamerika niemand lesen). Zuwiderhandlungen werden sofort beim nächsten Sexabend bestraft. Dazu gibt es mehrere Hard limits, wie bspw. den Einsatz von Feuer, Urin und Fäkalien, Nadeln, Messer, kein heftiges Strangulieren usw., auf all das hat Christian Grey keinen Bock (würde sich vermutlich auch schlecht verkaufen).

Als Ana jedenfalls angeben soll, welche Hard limits sie noch hinzufügen möchte, kommt es v-ö-l-l-i-g unerwartet zum Eklat: Ana ist doch noch Jungfrau und hat überhaupt keine Ahnung! Es kommt zur v-ö-l-l-i-g nachvollziehbaren Wendung: Christian Grey beschließt, Ana kurzerhand entjungfern zu müssen (ja, das passiert wirklich)! Und dann geht’s los, Blümchensex, wie Christian Grey sagt, immerhin ist Ana noch in der Lernphase. Und als wäre das hier immer noch Twilight-Fanfiction, ist Ana einfach ein absolutes Naturtalent, was die Sache mit den Körpern angeht. Und sie riecht so gut (falls wir es noch nicht erwähnt hatten). Und Christian sieht so unglaublich gut aus (falls wir es noch nicht erwähnt hatten). Und er lässt beim Sex sein T-Shirt an (aha!). Und als Ana dann längst völlig erschöpft eingeschlafen ist, aber doch nochmal aufwacht, sitzt Christian Grey natürlich total nachdenklich und nackt im Wohnzimmer und spielt melancholische Chansons an seinem Flügel. Wie toll er doch ist.

Am nächsten Morgen ist Ana bei bester Laune. Sie hat Christian Grey, den mysteriösen Mr ‚I don’t make love‘ zum Blümchensex verführt! Und trägt jetzt sein riesiges Hemd von letzter Nacht, tanzt durch die Küche und macht ihm Frühstück! Wann werden sie heiraten? Wie sollen die Kinder heißen? Auch Christian scheint ganz angetan von der Wochenendidylle, meckert dann aber schon wieder, dass Ana doch bitte endlich etwas essen soll. Dann gehen sie baden. Und wieder ins Bett. Und dann kommt u-r-p-l-ö-t-z-l-i-c-h Christian Greys Mutter vorbei. Und Ana beschließt, dass sie sie u-n-b-e-d-i-n-g-t kennen lernen muss. Und lernt sie kurz kennen. Alles ist super. Und schon ist die Mutter wieder weg. Normaler move.

Weil das aber doch alles ein bisschen krass war, was in den letzten 48 Stunden in Anastasia Steeles Leben so passiert ist, beschließt sie, mal wieder nach Hause zu müssen. Außerdem schlägt Christian Grey vor, dass Ana sich die Sache mit dem Vertrag noch einmal in Ruhe überlegen soll. Eilt ja nicht. Wenn sie unterschreibt, kann er sie ja immerhin verklagen, wenn sie es doch noch einmal mit ihrem Fotokumpel José probieren sollte. Ein bisschen googlen könnte auch helfen, sagt Christian. Wobei Ana leider feststellen muss, dass sie ja gar keinen eigenen Computer hat (haha!). Ein ganzes Bachelor-Studium, ohne einen eigenen Computer! Aber macht nichts, immerhin ist Christian Grey total reich und Ana emanzipiert genug, um ständig Geschenke von ihm annehmen zu können und sich trotzdem total selbstbestimmt und emanzipiert zu fühlen. Und weil es überhaupt keine Rolle spielt, welches Auto sie auf dem Weg zu Anas Haus benutzen, entscheidet sich Christian für den Audi R8 Spider, ein wahnsinnig krasses Auto, das keineswegs aus Werbegründen zehn Zeilen lang beschrieben wird, sondern einfach nur deshalb, weil die Autorin nach 10 Millionen verkauften Büchern selbst acht davon besitzt.

À propos besitzt: Wenn Christian Grey angeblich genau wie Ana zum allerersten Mal Blümchensex hatte, aber gleichzeitig erzählt, dass sie mal seine Sklavin Nummer 16 werden soll, wie kam er dann überhaupt dazu, auf der SM-Autobahn zu fahren? Nun ja, wozu gibt es an jeder amerikanischen Autobahn dutzende Kaffeehäuser, in denen man genau über so etwas reden kann? Kurzum: Christian Grey war von 15 bis 21 selbst der Sexsklave einer Freundin seiner Mutter. Und weil er nichts Anderes kannte und wollte, ist er einfach dabei geblieben. Okay. Und dann ist Ana auch schon wieder zu Hause. Ihre toughe und selbstbestimmte Mitbewohnerin Katherine ist mittlerweile mit Christian Greys Bruder Elliot (wahnsinnig gut aussehend und so rough!) liiert und vernachlässigt ihm zuliebe ihr Studium. Wie schade, dass sie bald mit ihrer Familie für zwei Wochen nach Barbados fahren und Ana die neue Wohnung in Seattle wohl vorerst allein überlassen muss (so ein Zufall aber auch!).

Ganz ehrlich, Frau E L James (keine Punkte!), ich bewundere, wie Sie mit schlafwandlerischer Sicherheit so schreiben, wie es sonst nur aufmerksamkeitshungrige Achtzehnjährige bei Twitter können. Trotzdem lösen Termini à la „just-fucked hair“ und Sätze wie „I don’t make love, I fuck hard!“ bei mir einfach nur ein fieses Stechen in der Stirngegend aus, das Leute wie David Guetta vielleicht zu ihrer „Musik“ inspiriert, für mich jedoch immer noch eine Form von Kopfschmerz ist. Und es ist ja nicht einmal die bemitleidenswerte Rolle der willenlosen Anastasia, die das Schlimmste ist, sondern vielmehr, dass ein guter Lektor die Geschichte vermutlich auf 30% heruntergekürzt hätte, weil während der anderen 70% sowieso ständig nur wiederholt wird, wie mysteriös Christian Grey ist (hatte ich erwähnt, dass Christian Grey sehr mysteriös ist?), wie gut Anastasia an egal welcher Körperstelle riecht (Oh Ana, deine Haare riechen so gut!) und dass sie um Himmels Willen doch jetzt unbedingt mal etwas essen soll (Ehrlich mal!). Arztroman ohne Doktor trifft es wirklich ganz gut.

In Kategorie: Kritikaster

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