Erneut schamloser Ideenklau von Anke Gröner, aber die Idee ist einfach klasse. Da ich selbst den Spaß erst seit ein paar Tagen verfolge und mitmache, beläuft sich meine Favoritenliste bisher ausschließlich auf Nachrichten aus dieser Zeit, die Selbstreferenzen seien mir gegönnt, Vollständigkeit nicht garantiert.

Mein lieber Team-Totale-Zerstörungs-Partner Julius wird im September erneut beim Kampf der Künste Dreikampf im Hamburger Schauspielhaus antreten. Nachdem er sich im März schon mit Marc-Uwe Kling in Text, Musik, Film und der freien Kür gemessen hat und unter mit fabelhafter TTZ-Unterstützung den Sieg erringen konnte, geht es nun an gegen die Slam-Legende Volker Strübing aus Berlin. Hier ein kleiner Teaser:


Direkttease

Mit Beginn der Sommerferien verliert Philipps Vater seinen Job, weil er nicht, wie von seinem Arbeitgeber verlangt, nach Japan gehen will und darüber hinaus mit der gezahlten Abfindung zufrieden ist. Fortan spielt sich sein Leben vorm Fernseher des alten Hauses in der Nähe Hamburgs ab, der Vater trinkt, Philipp vertändelt seine Ferienzeit zu Hause. Eines Tages stürzt der Vater betrunken die Kellertrepper herunter und bricht sich das Bein, er kommt ins Krankenhaus, der Knochen wird kompliziert mit einem äußeren Stahlgestell gehalten, Philipp ordnet den Haushalt, so gut er kann. Als der Vater wieder nach Hause kommt, hat Philipp eine Haushälterin eingestellt, ein polnisches Mädchen namens Ada und des Vaters Argwohn ihr gegenüber verfliegt bald, als auch er ihre liebreizende Art kennen lernt.

“Plötzlich interessierte mein Vater sich für Vögel. Er wies mich an, vom Dachboden den Armeekoffer seines Onkels zu holen, nahm den Feldstecher heraus und steckte ihn neben das Polster des Sessels. Mittags, wenn Ada am Fluß saß und die Füße ins Wasser hielt, beobachtete er den Buntspechte am Stamm der jungen Birke.”

“Die Haushälterin” von Jens Petersen beschreibt eine nicht ganz intakte, aber auch nicht völlig kaputte Beziehung zwischen Vater und Sohn. Philipp erlebt das Auf und Ab seines arbeitslosen Vaters zwischen Alkohol und der heimlichen Liebe zu Ada vor dem Hintergrund seines eigenen Reifeprozesses. Er selbst fühlt sich zu Ada hingezogen, obwohl er nie sicher sein kann, wie viel ihrer Zuneigung echt ist und inwieweit das sieben Jahre ältere Mädchen nur mit ihm spielt. Mit ihr erlebt er die erste Party, die ersten Ausbrüche aus dem eigenen Kindsein und, auch wenn sie nur von ihm ausgeht, seine erste Liebe.

Das Buch liest sich von Anfang an wunderbar, Petersen kann mit wenigen Worten Szenerien schaffen, die dem Leser immer wieder Lust bringen, weiter zu lesen, wissen zu wollen, wie sich die Geschichte zwischen dem Vater, Philipp und Ada weiter entwickelt. Gerade Ada und der Sinneswandel des Vaters ihr gegenüber sind so toll und ausführlich beschrieben, dass man diesen Stellen am Ende fast ein wenig nachtrauert. Ada belebt den Haushalt von Philipp und seinem Vater und beide überschlagen sich förmlich in Gütigkeiten zu ihr. Trotzdem ist die Geschichte oft von so großer erzählerischer Entfernung aus erzählt, dass man sich den Figuren nicht sehr nahe fühlt, nicht zuletzt weil die Geschichte an sich zu wenige Ecken hat, was der eigentliche Makel des Buches ist. Oft hat man das Gefühl, die Leidensgeschichte eines unbeholfenen Bürgerjungen zu lesen, der zwar den eigenen Haushalt, aber nicht sich selbst organisieren kann, nur dass dieses Schicksal einen als Leser auch nicht sonderlich berührt. Petersen schreibt eine ruhige Geschichte, die, wenn auch tragisch, nie so tragisch wird, dass man unheimlich großen Anteil daran nimmt, dafür ist alles einfach zu nett und in seiner Konsequenz zu weich. Gerade deshalb wirkt die letztendliche Wendung so unaufgeregt, vielleicht auch weil Petersen in seiner Schreibweise nie sonderlich explizit wird und alle größeren Konsequenzen nur andeutungsweise vorbringt. Das macht die Geschichte am Ende leider weniger nachvollziehbar, sodass nur eine gegenseitige und offen gelassene Emanzipation von Vater und Sohn bleibt, ein großes Ende, ein Ausblick oder eine Kehrtwende aber fehlt. Ein empfehlenswertes und sehr gekonnt geschriebenes Buch, dessen Handlung allein etwas mehr hätte bieten können.

Jens Petersen: Die Haushälterin
dtv, 176 Seiten
ISBN: 342105786

Es hat sich schon derart passgenau in den Alltag eingefügt, dass ich glatt vergessen habe, es zu zeigen, darum soll es an dieser Stelle nachgeholt sein. Sehet darum das großartige Team-Totale-Zerstörung-Zippo, das wir beim Open Flair Festival einfach so bekommen haben und gravieren lassen konnten, je ein Exemplar für Julius und für mich. Und sie stehen uns gut.

Schlechtes Bild, aber die Gravur sagt "Team Totale Zerstörung"


Foto von zawtowers

In dem winzigen Chinatown, das angeblich das zweitgrößte Englands ist, wird chinesisches Neujahr gefeiert. Von Piccadilly Gardens aus kann man die Portland Richtung Oxford Street herunter das zunehmende Rot erkennen, das dort alles kennzeichnet. Die Karten und Ladenschilder sind zweitsprachig, manchmal dreisprachig, soweit ich das beurteilen kann und vor den Kellerlädchen sitzen alte Männer mit ruhigen Gesichtern auf durchgescheuerten Stühlen, so als würden sie abends einfach mit den Werbeschildern wieder im Verkaufsraum verstaut und am kommenden Morgen wieder aufgestellt werden. Irgendwann steigen von dem kleinen Platz zwischen Faulkner und Nicholas Street hunderte roter Ballons lautlos in den Himmel, nach ein paar Sekunden des Steigens hält sicherlich die ganze Stadt ein paar Momente lang inne. Vielleicht denkt man, dass es ein schöner Brauch ist und nur ein paar Kinder fragen, was mit den Ballons passiert, wenn sie von unten an die Wolken stoßen, die jetzt wieder dichter werden. Überall kann man vom Bus aus die roten Laternen sehen, die zum Neujahrsfest aufgehängt wurden und sich wie ein Netz durch alle Stadtteile ziehen, nur ab dem Crowcroft Park sind es die Tesco-Tüten, die wie weiße Geister in den Bäumen gondeln und das Rauschen der Blättern nachahmen.

Als ich abends aus dem Fenster schaue, senkt sich die Sonne über den ewig gleichen Straßenreihen, deren Backsteinrot im Licht so schön glimmt, als würde das ganze Viertel schwelen. Und während ich rauchend am Fenster stehe und immer noch einen Zug nehme, bis mir mit einem Mal die heiße Luft eine Kerbe in die Lippe brennt, beendet sich mein Tag von selbst. Durch das geöffnete Fenster schwappt es quer über den Schreibtisch, färbt ihn schwarz und bringt die Gewichte, die sich wie dicke Schals auf meine Schultern legen. Meine Knie brechen weg, weil ich nur noch Resonanzkörper bin, das Vibrieren des Handys kann ich bis in die Fingerspitzen hören, aber ich nehme nicht ab. Mein Atem geht viel zu schnell und die Haut, die ich von meinen Fingern ab beiße, wird schon dünn, bis sich kleine Risse mit Blut füllen, die sich in ein paar Tagen entzünden und bei allen Bewegungen schmerzen werden. Ich mochte die Backsteinmauern, ich mag die Gegend und all das, warum muss mir immer wieder aus einander brechen? Das Handy vibriert, ich nehme ab.

Der Laden ist gänzlich weiß gekachelt, es sieht wie in einer großen Tiefkühltruhe aus. Mein Fisch ist soaking wet vom Essig und dampft bis hoch zu den Lampen, aber das coating hält. Wir reden nicht mit einander, während wir essen. dafür verstehen wir uns zu gut. Man muss ein ganzen Stück die Stockport Road Richtung Ortsausgang laufen, ehe man hier ist, aber es lohnt sich. Die Verkäuferin stemmt ihre dicken Arme auf die Theke und schaut interessiert dabei zu, wie sauber die germans den Fisch zerschneiden und fragt gleich mehrfach, ob Fisch und Essig wirklich etwas Neues für uns sei. Irgendwo zwischen den bookies und Iceland muss es von mir abgefallen sein und ich halte kurz inne und schaue auf die Straße, nur um mir kurz bewusst zu machen, dass es wirklich so ist. Denn es kommt ohnehin wieder.

Später ahne ich noch draußen den hohen und mehrfach nach unten gestaffelten Rang des Apollo theatres, das Rot auf dem Holz und die breiten Holzstränge, die sich vom Boden nahe der Bühne bis unter die Decke winden und die goldenen Wirbel dort oben begrenzen. “You know, when it’s all going down, you gotta go back up on your own!” sagt sie beim Kreisverkehr und ich frage mich, ob das grammatikalisch überhaupt korrekt war, aber darum es nicht. Wenn es dir nicht gegeben ist, einschätzen zu können, wann du zu viel allein gewesen bist, dann ist es besser, im Zweifelsfall lieber einmal zu oft unterwegs gewesen zu sein, vielleicht meint sie das. Im Bus reißt die Müdigkeit meinen Mund auf und saugt Luft in mich hinein. Meine Augen zeigen einen Stop-Motion-Film, jeder Sekunde fehlen ein paar Bilder, aber die Story bleibt erkenntlich. Mein Atem ist warm und kondensiert am Grün der Haustür.

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