Es ist spät, ich bin müde, ich will nach Hause und auf dem Weg dorthin nichts außer meiner verdammten Musik hören. Ich sitze an der Haltestelle, Tegan & Sara singen in meinen Ohren. Hoffentlich hat zu Hause das geöffnete Fenster etwas gebracht, denke ich, Montagvormittag die Fenster zu öffnen ist immer ein großer Fehler, wenn das Müllauto noch nicht da war und einem dann die ganze Wohnung vollstinkt.

Ein paar Meter weiter steht ein Typ, der nicht auch bloß den Nachtbus, sondern augenscheinlich auch die Wende verpasst haben muss. Man nehme eine schwarze Jeans, wasche die Farbe aus, punkte sie sehr fein erneut mit einem Edding, schrumpfe sie gleichzeitig um 1/4 ihrer Größe und montiere gelbe Hosenträger daran. Passend dazu trägt man am Besten schwarz-weiße Holzfällerhemden und auf dem Kopf etwas, das sich sowohl von einer Frisur als auch von einem Haarschnitt deutlich abzugrenzen weiß. Er hat ein Miniradio dabei, das irgendwelche Schlager dudelt und er stilecht auf seiner Schulter trägt.

Ich zünde mir eine Zigarette an und versuche, jeglichen Blickkontakt und sogar Blicke in seine Richtung zu vermeiden. Oft wird einem ja vorgeworfen, man könne sich das als Mann nicht vorstellen, wie es ist, andauernd entgegen dem eigenen Willen angequatscht zu werden. Ich aber kann. Nur quatschen mich nicht reziprok dauernd Frauen, sondern ausschließlich Verrückte an und ich muss zugegeben, es wäre wohl weitaus schlimmer, wenn ich eine Frau wäre und mit Männern, Verrückten und verrückten Männern gleichzeitig zu tun hätte.

Shit, ich hab ihn angeguckt. Den meisten Leuten reicht ja schon ein Blick als Einladung ins eigene Leben. Er nickt mir zu und dreht seine Schlager noch lauter und ich frage mich, ob sich hinter Wollpullundern und fettigen Haaren eigentlich immer unfreiwillige Komik entwickelt. Er kommt näher und stellt sich direkt neben mich, er nickt noch immer und schürzt seine Lippen, wie es die rauchenden Sechszehnjährigen vor der Großraumdisko, an der ich öfter vorbei komme, nicht besser tun könnten. Ich wechsle zu K.I.Z.

Wir hatten mit dem Barkeeper um unsere Getränke gewürfelt und haushoch verloren. Zur Entschädigung gab er uns noch zwei Raketen (und den einzigen Inhaltsstoff selbiger, der mir in diesem Moment schmerzlich wieder einfällt, ist Tabasco) und wandte sich den nächsten Glücksrittern zu, die ebenfalls an diesem Abend nicht bloß viel ausgeben wollten, sondern auch alles verlieren wollten. Und später erwies sich ein Taxi folgerichtig sowohl aus monetären, wie auch aus Gründen schwankender Magen-Darm-Flora als schlechte Idee.

Ich merke, dass er irgendetwas sagt, reagiere aber nicht. Er tippt mich an, ich nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr und versuche die Blicke der sechzehnjährigen Diskochecker zu imitieren.
“Kommst wohl gerade vom Tanzen?”, will er wissen.
“Vom Friedhof”, sage ich.
“Trauerfeier?”
“Séance.”
“Was?”
“Ich bin Totengräber.”
“Huih, so mit echten Toten?”
“Nein, wir begraben nur Lebendige.”
Warum immer ich, denke ich, als hätte ich ständig Bereitschaftsdienst, sehe ich tätsächlich so vertrauenerweckend aus, sollte ich Trickbetrüger oder wenigstens Staubsaugervertreter werden? Ich stehe auf, nicke ihm noch einmal zu und ahne, dass es ein Fehler ist. Auch Ghandi muss Momente gehabt haben, in denen er einfach nur kurz seine Ruhe wollte. Ein Mensch kann doch nicht stets aufopferungsvoll sein und die Macken seiner Mitmenschen freudig in die Arme schließen, denke ich, erst recht nicht, wenn ihm der Kopf dreht und der Magen brennt. Ach Scheiße, denke ich, steh auf, ignoriere das Geblubber des Typen und gehe in Richtung des Bahnhofs, um mir die Wartezeit in Bewegung zu vertreiben.

Die Rationalisierung sozialer Einrichtungen hat McDonald’s zum nächtlichen Treffpunkt werden lassen. Nachts scheinen nur Berliner hinter der Theke zu stehen, wenn man es vom Umgangston her betrachtet. Ein paar Atzen schlagen gegen die Glastüren, weil man sie ausgesperrt hat, die Frau auf der Poliermaschine rotiert über den Querbahnsteig. Irgendwann, denke ich, muss ich unbedingt einmal in die Kneipe direkt im Bahnhof. Es sieht so aus, als würde dort drinnen nie ein Wort gewechselt werden und das Getränkeordern problemlos per Handzeichen funktionieren. Auf den Stühlen und an der Bar hängt man über dem eigenen Glas und versucht, irgendeine Wahrheit darin zu erkennen, dazu gibt es Zigaretten, die in Zehn-Minuten-Abständen ihren Weg aus den Schachteln zwischen die spröden Lippen finden.

Als ich wieder draußen bin, steht mein Bus schon bereit. Ich setze mich direkt hinter den Fahrer, wie es alle machen, die entweder blind, ängstlich oder ohne jedwedes Interesse für alles hinter ihnen sind. Ich lasse Biffy Clyro meinen Zynismus besingen und versuche mir mein Bett vorzustellen. Wo gewartet wird, muss angekommen werden, hat Brecht einmal geschrieben, denke ich, während ich dabei zusehe, wie sich ein Pärchen nicht weit von meiner Fensterscheibe lautlos anschreit.
“Hey, da bist du ja wieder”, höre ich eine Stimme, “Ist da noch frei?”, fragt sie schrecklich rhetorisch und schon sitzt der zugehörige Körper neben mir, ich suche Slayer in meinem MP3-Player.

“Was?”, raune ich.
“Ich hab dich schon gesucht.”
“Soso”, sage ich und denke, dass ich lieber etwas Feindseligeres hätte sagen sollen.
“Ja, bist einfach gegangen.”
Wie immer sie euch mitspielen, gebt keinen euresgleichen auf, denke ich, schon wieder Brecht, meine Güte, aber irgendwie ist es spätestens jetzt auch genug.
“Ich verabscheue die menschliche Rasse”, sage ich.
“Und was machst du jetzt so?”
“Nach Hause fahren.”
“Gut, dann komm ich mit”, sagt er, grinst mich an und ich frage mich, ob man vor diesem Grinsen nun Angst haben soll oder nicht.
“Ganz bestimmt nicht”, sage ich, “Du kannst mal lieber abhauen.”
Er sagt nichts, überlegt ein bisschen, es ist still.
“Aber ist doch schön”, sagt er.
“Ist nicht schön”, sag ich.
“So ein bisschen kuscheln”, sinniert er.
“Pfui!”, sage ich, denn was den Unterschied zwischen gleichgeschlechtlichen Komplimenten und verrückten Gequatsche ausmacht, habe ich spätestens in der Bahnhofsmission gelernt.
“Du wirst schon Gefallen daran finden.”
Ok, letzter Versuch, es normal zu regeln, denke ich.
“Hör zu, vergiss es, ich hab da keinen Bock drauf, hau einfach ab, ok?”
“Nein”, sagt er. Einfach so, nein und grinst, ich habe Angst.
Als wir halten, fange ich an zu zählen, drei, fünf, sechs Sekunden. An der nächsten Haltstelle zähle ich innerlich mit, vier, drei, zwei, springe auf und renne aus der Tür auf die Straße. Die Leute im Bus schauen mich ein wenig entgeistert an, als sich direkt hinter mir die Tür schließt, aber das macht nichts. Als der Bus weiterrollt, sitzt der Verrückte still auf seinem Platz und schaut mich ein wenig traurig an, mit dem Mittelfinger signalisiere ich ihm eine schöne Weiterfahrt und eine gute Nacht.

Als ich schon über die Straße bin, kommt der Bus ein paar hundert Meter weiter wieder zum Stehen. Als sich die Türen öffnen, höre ich leise Blasmusik und beginne sofort zu rennen. Ich renne so schnell ich kann, denn so langsam wird es mir doch ein bisschen unheimlich. Ich könnte in den Park rennen, denke ich, mit etwas Glück treffe ich auf ein paar besoffene Schläger, die zwar mich, aber nicht meinen Verfolger an sich vorbei lassen, wo sind die, wenn man die einmal braucht? Oder zum Palmengartenwehr und dort auf ihn warten, um ihn in einem ehrlichen Zweikampf niederzuringen und ihn anschließend den künstlichen Wasserfall hinunter zu werfen. Ich laufe und laufe, mein Mund wird trocken und klebrig, jeder Atemzug schmerzt, irgendwann bleibe ich stehen und höre ein wenig in die Straßen hinein, vielleicht hat er sein Radio ja ausgeschaltet. Kreuz und quer laufe ich nach Hause und obgleich die Wahrscheinlichkeit, den komischen Menschen noch einmal zu treffen, gerade bei schnurgeradem Nachhausegehen am Geringsten wäre, ich muss verschlungene Wege gehen, allein schon, um mich innerlich zu vergewissern, dass er nicht schon längst hinter mir ist. Zu Hause schließe ich hinter mir die Tür und denke: Als ich wiederkehrte, war mein Haar noch nicht grau, da war ich froh, Brecht, natürlich.

* Den Titel habe ich mir ausgeliehen vom großartigen und natürlich immer wieder zu empfehlenden Raymond Carver.


Bild von Greg Gladman

Manch einer würde es ganz old-school-mäßig Urlaub nennen, aber wo kämen wir da denn hin? Diese dunklen Wolken dort oben sind übrigens nicht als Imperativ zu verstehen, aber ich fand das Bild so hübsch. Wir sehen uns in einer Woche. Tobt euch bis dahin gern hier aus.

Das Wasser drückt sich aus den Kanälen und fließt in dicken Zöpfen die Rue de Martyrs hinab Richtung Sexodrome. Gerade geht die Sonne auf, die Müllmänner schwitzen mit Kippenstummeln im Mund und haben immer ein nettes Wort für die Mütterchen, die schon so früh im Waschsalon ihre Kleider falten. Um diese Uhrzeit steht noch niemand in Barbès und rattert in atemberaubender Geschwindigkeit wieder und wieder “Marlboro, Pall Mall, Pall Mall, Marlboro” herunter, nur die Hütchenspieler machen bis zuletzt einen guten Schnitt mit den nachhausetorkelnden Touristen. Im Bus nach Tocadero klimpern schon die Miniatureiffeltürme, im Marais stimmen ein paar Metalasiaten ihre Jackson-Gitarren vorm Centre Pompidou und ersetzen in ihren Verstärkern die Batterien vom Vortag.

In ein paar Stunden wird sich genau über diese paar Flecken Stadt eine Geräuschkulisse legen, die ihresgleichen sucht, die deutsche Großstädte in späterem Vergleich sehr ruhig erscheinen lassen wird, im guten wie im nicht so guten, im anderen Sinne. Später erkennt man sie schnell, die Deutschen, wie sie im Zug nach Leipzig, kurz nachdem sie eingestiegen sind, wütend ihren Koffer durch den Waggon zerren, weil niemand ihnen einen Platz freigehalten hat. Es gibt keine schlechtere oder bessere Mentalität, denke ich, nur mehr oder weniger hausgemachte Probleme. Aber eine eigene Toilette, mit einer Tür, die nicht mehrere Zentimeter weit aufsteht, selbst, wenn sie geschlossen ist, hat Vorteile.

Hier ist meine Wohnung so groß wie vier bis fünf Pariser Studentenzimmer, das Bier vergleichsweise billig, der Eistee hingegen ganz schön teuer. Nur wozu vergleichen, wenn man genau den Leuten bei Goodbye Deutschland immer vorwirft, eben dass sie ein Deutschland im Ausland zu suchen scheinen. Es ist wunderschön in Paris, denke ich, Punkt.

Und in der Straßenbahn sitzen zwei junge Typen mit Bobschnitt und Pornobrille, sie rappen so laut und unbeholfen sie können K.I.Z.-Songs und schwingen dabei Becks-Ice-Flaschen. Vielleicht seid gerade ihr die Opfer, die sie immerzu besingen, will ich sagen und verkneife es mir. Dann, an der Haltestelle, ist es angenehm ruhig und mein schmerzendes Ohr beginnt, sich zu entspannen. Hoffen wir, dass sich dieses Gefühl noch ein paar Tage lang hält.

Der Mord an seinem Vater beschert Michel eine ungewohnt große Summe Geld, mit der er womöglich bis an sein Lebens-ende auskommen könnte, nur ist es nicht das Geld, das ihm fehlt. Michel lebt nahezu isoliert in Paris, seiner Ansicht nach genau so, wie es viele der modernen Menschen tun, gefangen zwi-schen Arbeit, Schlaf und Nahrungsaufnahme verläuft sein Leben relativ langweilig. Er gönnt sich eine teure Rundreise durch Thailand, besucht oft die Massagesalons, die gleichzeitig als eine Art Bordell fungieren und reibt sich größtenteils an den verschrobenen Einstellungen und Eigenheiten seiner Mitreisenden.

Mehr und mehr festigt sich in ihm die Ansicht, dass der normale westliche Mann, und damit auch er selbst, bei der modernen westlichen Frau keine Chance mehr hat. Sie jagen beruflich erfolgreichen, aufmerksamen, romantischen, etc. Traummännern hinterher, also einem Wunschbild, das der Stino-Mann nie und nimmer zu erfüllen vermag. Nichtsdestotrotz hat er auf der Rundreise Kontakt zu Valérie geknüpft, einer erfolgreichen und schönen Frau, die in Paris in hohem Posten in der Tourismusbranche arbeitet.

Sie kommen zusammen, wohnen bald in einer gemeinsamen Wohnung und sehen beide das Problem, das manchmal erst weite Strecken zurück gelegt werden müssen, um Mann und Frau sexuell das bieten zu können, wonach sie in ihrer Heimat vergeblich suchen. Als Valérie und ihrem Chef Jean-Ives dann leitende Stellen beim größten Tourismuskonzern Frankreichs angeboten werden, gepaart mit der Aufgabe, eine wenig florierende Hotelkette zu sanieren, kommen die drei auf die Idee, ein neues Geschäftsmodell zu erfinden.

Mit Plattform habe ich nun auch den letzten von Houellebecqs Romanen gelesen, erst Ausweitung der Kampfzone, dann Elementarteilchen und zuletzt Die Möglichkeit einer Insel. Ab jetzt heißt es also warten auf den nächstens und bis dahin den Blick auf die Essays, pardon, Interventionen schweifen lassen, denen im Oktober mit Ich habe einen Traum übrigens ein zweiter Teil folgen wird.

Im Gegensatz zu “Die Möglichkeit einer Insel”, wo ich erst eine Weile brauchte, um mich in das Buch einzulesen und es im Endeffekt dann nichtsdestotrotz sehr gut zu finden, lässt einen Plattform von Anfang an nicht mehr los. Das ganze Buch ist durchzogen mit Gedanken des Protagonisten Michel und Erklärungen zu allen möglichen Dingen, zur Gesellschaft, zur Philosophie, Tourismus und der Beziehung zwischen Mann und Frau und vermengt das Innerste des Protagonisten mit Geschehnissen, wie sie genau in jetziger Zeit passieren. Natürlich wird es da, wenn man das so sagen kann, Houellebecq-typisch ein wenig subjektiv und teilweise so, dass sich mancher sicher an den Äußerungen reiben möchte, aber gerade dadurch, dass im Buch immer bewusst Stellung bezogen und diese auch gnadenlos vertreten wird, fühlt man sich den Figuren schnell sehr nahe und durchlebt mit ihnen, ganz egal ob man ihre Einstellungen nun teilt oder nicht, ihre Geschichte. Ebenso braucht man bei Houellebecq nicht zu erwarten, dass er sonderlich harmlos mit den Menschen allgemein ins Gericht geht, im Gegenteil, wie schon in seinen anderen Büchern, ist auch Plattform eine subtile Abrechnung mit der Gesellschaft Frankreichs und Europas, den Menschen überhaupt, in diesem Fall besonders bezogen auf das Finden eines geeigneten Lebenspartners und Tourismus in all seinen Formen.

Gleichsam wie hart Themen wie Islamismus, Nationalitäten und den zugehörigen Typen umgegangen wird und wie ausgiebig es um Sex geht, muss die immerwährende Melancholie erwähnt werden, die fast das ganze Buch durchzieht. Irgendwo zwischen Resignation und steter Trauer wandeln die Figuren Houellebecqs dahin, finden zu einander, gehen auseinander, im besten Beckettschen Sinn scheitern sie und beginnen immmer wieder neu, nur um nochmals und immerfort zu scheitern. Das macht Houellebecqs Bücher nicht unbedingt zu besten Selbstheilungs- und Selbstfindungsbücher, obgleich man nie umhin kommt, sich nicht trotzdem darin wieder zu finden, bzw. wenigstens so vieles um sich herum, denn man selbst will sich ja, genau wie es seine Figuren immer bis zu einem bestimmten Punkt versuchen, nicht so sehen, wie man die Anderen sieht, deshalb sind sie ja die Anderen. Fällt diese Trennung erst einmal weg, ist man nichts Besonderes mehr, aber hat die Chance, mit dem einmal klaren Blick eben genau dieser Stino-Mentalität zu entfliehen. Den Figuren in Plattform gelingt dies genau so, wie es ihnen gleichsam nicht gelingt und gelingen kann, das macht das Buch so kurzweilig und gleichzeitig tiefgründig. Ich hab’s genossen.

Michel Houellebecq: Plattform
rororo, 352 Seiten
ISBN: 3499233959

http://www.open-flair.de

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