
Javiar Marias: Geschriebenes Leben Zwar komme ich momentan irgendwie überhaupt nicht zum Lesen, bzw. ist all das, was ich momentan zu lesen habe, sicher für alle Leser hier mächtig uninteressant (Vetospielertheorie, zu viele Bundesverfassungsgerichtsur-teile, sowie ein ganz und gar schreckliches Buch über Kulturmarketing), aber trotz-dem gibt es gerade ein Buch, das dir, werter Leser, an dieser Stelle von mir ans Herz gelegt sein will.
Ich stehe sehr auf Metainfor-mationen zu allerlei irgendwie bedeutenden Leuten, das heißt wenn ich irgendwo eine kleine Anekdote über Kafka finden kann, dann lese ich sie genau so gern wie eine Erörterung von Thomas Manns Selbstverliebtheit. Genau aus diesem Grund auch fand ich die Werkstattbilder der noch geöffneten Neo-Rauch-Austellung mindestens genau so interessant wie die Bilder und genau deshalb mag ich auch das Buch auf der linken Seite, Geschriebenes Leben
von Javier Marias.
Spätestens seit Mein Herz so weiß
wusste ich zumindest, dass Javier Marias sehr gut schreiben kann. Dass sich selbiges auch auf Sachtexte, mehr noch Portraits erstreckt, ist dabei umso toller. In Geschriebenes Leben
nun portraitiert Marias 18 Autoren und 8 Autorinnen von William Faulkner über Thomas Mann und Oscar Wilde bis hin zu Emily Brontë auf jeweils ungefähr 10 Seiten.
So erfährt man unter Anderem, dass das Schlimmste an Thomas Mann war, dass er sich tatsächlich einbildete, sich selbst nicht ernst zu nehmen, dass Oscar Wilde zwar verheerend ausgesehen haben, aber gleichzeitig über unglaublichen Charme und Redegewandheit verfügt haben muss und dass Yukio Mishima (den ich bis dato nicht kannte) schon allein deshalb mit hätte in dieses Buch aufgenommen werden müssen, weil seine Todesumstände so wahnsinnig grotesk und lustig waren.
Man merkt schnell, dass Marias dabei nicht versucht, in irgendeiner Weise objektiv zu sein (wobei die beschriebenen Anekdoten sicher der Wahrheit entsprechen), sondern es den Leser im Gegenteil spüren lässt, dass er bspw. James Joyce nicht mag, dessen sexuelle Vorlieben zuweilen sogar ziemlich widerwärtig findet und im Großen und Ganzen lieber davon abraten will, selbst noch Romane zu schreiben, einfach weil es nichts Besonderes mehr darstellt. Vielleicht es ist dann genau das, weshalb man sich für die Großen der Literatur und ihre Eigenarten interessiert, dass man ihrer Besonderheit, die ihnen in nun einmal innewohnt, am liebsten nacheifern oder sich zumindest in diese einfühlen will. Aber sicher ist es mindestens ebenso die Unterhaltsamkeit der Portraits insgesamt und, genau so, wie es der Untertitel des Buches, "Ironische Halbportraits", ihre Bissigkeit.
Javier Marias: Geschriebenes Leben
Klett-Cotta, 2001, 315 Seiten.
ISBN: 3-608-93555-X