Viele Weblogbesitzer verbringen augenscheinlich die meiste Zeit damit, Bookmarklinks, Like-Buttons und Twitter-Kästchen in ihre Seiten einzupassen. Manchmal überkommt mich derselbe Drang, es ist wie ein Rausch und wenn ich später wieder zu mir komme und ein Blick auf die Uhr mir verrät, dass zwei Stunden vergangen sind, muss ich mich für jede einzelne Minute ohrfeigen.
# speaking of gated communities…
Wo wir gestern gerade beim Thema waren:
Au weia. Gerade am Clara-Zetkin-Park, dem Central Park der Urban Creative City Leipzig, wo das Verbrechen regiert, sollte man natürlich besonders sicher wohnen können. Diesem in breiter Öffentlichkeit spürbaren Verlangen wird jetzt scheinbar endlich nachgekommen. Von meterhohen Zäunen umgeben und durch dickes Panzerglas von der Außenwelt abgeschottet können Sie und Ihre Polohemd-Familie in Zukunft geruhsam dabei zusehen, wie die verwahrlosten Armen der ostdeutschen Landn vor ihrer Residence wüten und sich gegenseitig zerfleischen. Natürlich sichern Sie beim Anblick dieses einzigartigen Spektakels ihre mit Notstromaggregaten versehenen Starkstromzäune gegen allzu große Annäherung sowie Ansteckung.
# Frau Hegemann bezieht Stellung
Heute erschien bei der Zeit eine Stellungnahme Helene Hegemanns zu ihrem Buch und all dem Tam Tam drumherum. Nach dem Lesen selbiger war ich nicht unbedingt schlauer oder informierter, aber mir ist wieder eingefallen, dass es auf dem Album “Fettes Brot lässt grüßen” dieses tolle Lied gab.
Ansonsten wirkt das alles relativ wenig Stellung nehmend, eher bockig, obwohl es so wahrscheinlich gerade nicht wirken soll. Man kann das hohe Ross der Altklugheit jedenfalls auch graziler reiten. Denn wenn man sich nicht auf ein bestimmtes Niveau herab lassen will, sollte man zuerst tunlichst davon absehen, dies überall kund zu tun, insbesondere auf einer jener Plattformen, die Aufstieg wie auch Niedergang der eigenen Person mitgestaltet haben.
Natürlich ist ihre Einstellung bezüglich Intertextualität, wenn sie sie denn wirklich vertreten sollte, einsichtig, nachvollziehbar und sicher von einer Menge Leute geteilt. Wieso ihr Buch dann ausgerechnet in einem Verlag erscheinen muss, der offensichtlich vom Schlag des alten Urheberrechts ist, wird aber gerade dann fraglich, wenn man Helene Hegemann diese Einstellung zugesteht. Wenn man so viel über die Welt und die Beziehung der Menschen zueinander zu wissen glaubt (oder wenigstens denkt, nicht vollends an der Wahrheit vorbei zu schlittern), wie es die altkluge Schreibe vermittelt, warum kommuniziert man dann solche Sachen nicht von vornherein (das Buch als Experiment sei ihr gegönnt, die Verlagsfrage bleibt)? Weil es nicht nötig sein sollte, natürlich, aber wenn man den Baum, auf den man zufährt, schon von weitem erkennt und nicht lenkt, sollte man sich nicht über den Aufprall, allenfalls über dessen Stärke wundern.
Aber genau der macht ihr jetzt doch zu schaffen (wirkte zuerst ja nicht so) und man kann es sich ehrlich schwer vorstellen, wie es sich anfühlen muss, wenn so etwas auf eine/n niederregnet (außer man ist Sascha Lobo), aber dann muss man nicht noch zu Harald Schmidt gehen (2. Teil) und in der Sendung genau dieselbe Schiene fahren, nochmal zurücksetzen und wieder gegen den Baum brettern. Gerade das Lob ans Berghain bezüglich des erfolgreichen Sich-Mühe-Machens auf der Suche Eigenständigkeit des Clubkonzepts wirkt da eher zynisch.
Bockig insgesamt, würde ich sagen, da hilft auch das Adorno-Zitat nicht, auch wenn es möglichst locker eingeflochten sein wollte.
# safety net
In Indien gibt es eine weitaus größere Kulturindustrie als hierzulande, mit eigenen Popstars, einer eigenen Kinolandschaft, eigener Musik und allem drum und dran. Manchmal, wenn ich am Computer sitze und im Internet surfe, statt Texte zu schreiben oder etwas zu lesen und also nur darauf warte, einem Hassimpuls nachzugeben, der mich schnell ein paar wüste Beschimpfungen in den Laptop einhacken lässt, manchmal, wenn ich dann denke, hier niemals erfolgreich sein zu können, sage ich mir, dass ich im Fall der Fälle immernoch nach Indien gehen und es dort noch einmal probieren kann.
# so i have been denting this system*
Im Großen und Ganzen wie auch in immer kleiner werdenden Einheiten endet alles fortwährend, sodass ich vor Aufregung feuchte Hände bekomme, wenn ich daran denke und ins Bad gehen muss, um mit kalten Wasser dagegen anzugehen. Wenn ich wiederkomme, ist wieder etwas vorbei und mein Gehirn verarbeitet diese Bilder so langsam, dass ich es mit ansehen kann, wie die Sonne den Horizont herunter rutscht, die Häuser Stück für Stück in sich zusammen fallen und Zeit dir ihre Kennzeichen ins Gesicht drückt. Vielleicht wird der nächste Atemzug schon ein paar Jahre weiter und Vieles vergangen sein. Ich stehe vor meiner eigenen Wahrnehmung wie Kafkas Mann vor dem Gesetz, müsste mir nur selbst Einlass gewähren und mich selbst überkommen, aber bleibe, wo ich bin, befreit von jeder Kausalität entgegen eines Ziels.
* aus: Danny Sherrard: The Prose Of The Windex Rainbow











