Alles ist alles…

19. April 2010, Tribut

 

... mein geschätzter Kollege Christian Meyer sagen würde, da werden Veranstaltungen wegen der Aschewolke abgesagt, da gibt es Texte zur Hochzeit geschenkt, da werden Bücher
angeblich auch Sonntags verschickt und wenn Rolf Zuckowski irgendwann einen Anschlag auf das Regierungsviertel begeht, braucht sich niemand mehr zu wundern. Die Welt ist ein perverser Ort.

 


Direktberlin

Diese Wege nach Hause. Vorbei an den kaputtgeschlagenen Läden, dem kleinen PDS-Büro, das angeblich einmal im Monat von Gregor Gysi besucht wurde. An dieser Rockerkneipe vorbei und den Rockern, die einen manchmal anhielten und fragten, ob man aus dem richtigen Stadtteil kam. Am Dönerladen vorbei. Über die Spree, sodass es einem im Sommer so vorkam, als wäre man doch nicht so weit draußen. Wie wir uns am offenen Fenster fragten, warum so viel Bier, Absinth und Gras und Zigaretten überhaupt in uns behalten konnten und alles mit Pistazien krönten. Deren Schalen wir ablutschen, so gierig nach Salz und dann aus dem Hochparterre kotzten, gegen die frische Wäsche der Nachbarn. Am nächsten Morgen Kartoffelsuppe aßen und hartes Brot, das nur in diesem Moment schmecken konnte. Mit offenen Fenster und wehenden Vorhängen in ganz leichtem Rot, die die Skizzen streiften. Dann wieder den Weg entlang, rückwärts jetzt. Mit der S-Bahn durch die Sonne, ohne Gefühl für die Haltestellen, aber den Druck dort draußen. Hier wäre der Sommer immer am traurigsten, sagtest du. Zwischen den Schornsteinen, Fabriken und Hochhäusern, wenn die Sonne unterging zwischen den Trassen in orange. Und ich nickte und konnte es eigentlich nicht glauben. Die Faszination dafür, die einem abgeht, wenn man es ständig vor sich hat. Wenn das Ruckeln der Waggons nichts Besonderes mehr und das Kopfsteinpflaster vor den Gründerzeithäusern normal geworden ist. Du nicht mehr unterwegs bist. Wenn die Musik verstummt.

 

Wie könnten wir verweigern, schlagen wir, wenn wir denken, es zu tun, doch wiederum nur die Route eines Anderen ein.

 

Sind das wirklich noch Kaugummis, wenn hinten GlaxoSmithKline draufsteht?

 


Direktwizo

Im aktuellen student!-Magazin die schrecklichste Kolumne seit langem gelesen, dabei innerlich den Kopf immer und immer wieder gegen das Geisteswissenschaftliche Zentrum geschlagen und danach verzweiflungsbeladen ohne Bremsmöglichkeit am Fahrrad in den Straßenverkehr gestürzt. Dieser flippige Schreib-ich-doch-mal-was Lustiges-Fail, der unterschwellig Ironie und Feinsinnigkeit vermitteln soll, sich dabei jedoch nur still in jenes Motto einreiht, das die hässliche Grafik vom Artikel nebenan dem Leser entgegen schreit: gewollt und nicht gekonnt. Aber so etwas macht sich bestimmt geradezu glänzend im Lebenslauf.

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Seit mir auch der zweite Bowdenzug gerissen ist, ist das Fahrradfahren wieder ein Abenteuer. Innerlich warte ich fast darauf, irgendwann vorm neuen Seminargebäude einen Ersti über den Haufen zu fahren, der noch nicht weiß, dass Studenten und Fahrräder immer Krieg ergeben. Ich radle, also bin ich, immer vorwärts, wer braucht da Bremsen? Und wer bremst, verliert, um noch eine Phrase zu bemühen. Außerdem, man gelangt, ganz ohne es zu wollen, an so viele unbekannte Orte, wenn man hin und wieder einfach mal schnell abbiegen muss, weil die Ampel dort vorn noch immer rot und ein Überqueren der Kreuzung in diesem Moment ziemlich genau Richtung Notaufnahme zeigt. Einen Flyer verteilenden Ersti müsste es erwischen, losgelöst aller sozialer Kontakte, versunken im Sumpf der Regenwaldtötermafia. Ich verstehe es ehrlich nicht, wie man erst die hunderte Fahrräder mit sinnlosen Flyern bestücken und danach mit ruhigem Gewissen einen Fair-Trade-Kaffee in der Mensa trinken gehen kann, ich verstehe es einfach nicht.

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"Warum ist auf ihrer Folie eine andere Seitenzahl als im Reader, aber der gleiche Text?"
"Das sind diese neu eingeführten intellektuellen Kleinstprüfungen, die sie jetzt anstelle von Prüfungsvorleistungen benutzen, um all jene nicht zur Prüfung zulassen zu dürfen, die solche Sachen nicht sofort während der Vorlesung der Professorin mitteilen."
"Ah gut, dann meld ich mich mal."
"Ja, aber mach dich richtig bemerkbar, nicht dass es jemand Anderes zuerst sagen kann!"