Neuerdings frage ich mich, ob es mein linker Kopfhörer ist, der öfter mal aussetzt, oder ob es mein Gehör ist, das sich hin und wieder selbst eine Pause gönnt. Möglich wäre beides, allein, es lässt sich in gewisser Weise unterscheiden: ist es der Kopfhörer, ist der Ton einfach weg, ist es das Gehör, wird sein Fehlen durch diesen unangenehmen Druck ersetzt, als wäre man unter Wasser – ich finde, dass es ein weißer Druck ist.
Darüber denke ich nach, während wir im Auto sitzen und über Gut- oder Bösartigkeit einer künstlerischen Prägung durch ein Mentorensystem, wie es das Literaturinstitut in Biel fährt, sprechen und doch wieder nur bei irgendeiner Dialektik landen. Als Kind der Postmoderne hat man einfach die dialektische Arschkarte, denke ich und will es aufschreiben, aber es wäre peinlich, jetzt das Notizbuch heraus zu kramen, wo wir so dicht gedrängt sitzen. Vorher habe ich etymologische Hintergründe des Wortes Lampenfieber bedacht. Dann geht es kurz um Google Analytics und die Möglichkeit eines gemeinnützigen Vereins bezüglich Rücklagenbildung und Aufwandsentschädigung. Ich weiß nicht, warum ich das alles kenne. Ich bin beliebig. Ich sollte öfter die Klappe halten.
Wenn es schon auf der Hinfahrt dunkel ist, hat man zweimal das Leuna-Erlebnis, so nenne ich es für mich allein. Ein kleiner Stahlpark, der von weitem so aussieht, wie ich mir New York vorstelle: hoch und hell, stählern kalt, mit weißen Dampf, der vom Boden nach oben steigt. Überall Maschinen, überall das kalte Piepen / Meine Eltern waren aus Stahl, sie konnten mich nicht lieben. Dazwischen irgendwie schillernd, egalitär, elitär und schnell. Meine Fahrten kennzeichnen nur zwei Wegpunkte: Leuna und den Puff kurz vor Jena, der mit dem riesigen Herz über der Tür. Der Rest ist schwarz und geht immer mal ruckartig nach links in die Spur zurück.
Meist berichten die neu in den Backstage Kommenden dann von der Länger der Schlange draußen: 50 Meter vor der Treppe, wo es hoch in Richtung Eingang geht, kein Witz! Ich kenne nicht einmal den Eingang, war noch nie dort vorne, bin immer durch den Hintereingang hinein, an den alten Bahnwaggons vorbei, in denen Ölradiatoren stehen, die mit Strom funktionieren. Das alles, das übliche Schöne, dessen Glanz sich einem nur in Form eines großen Breis ins Gedächtnis flackt, alles unentzifferbar überlappend, sodass es einen später nur noch dazu befähigt, die Abende “schön” zu nennen.
Aber die Wellen von Applaus, die einem wie Tavor gegen den Kopf branden, bis er ganz taub ist. Wenn sie tatsächlich zu laut sind, um weiterreden zu können. Wie gut es sich anfühlt, wenn man es aushalten und abwarten muss, während man trotzdem Warum denn überhaupt? zu denken gezwungen ist. Dafür lohnt es sich dann. Man arbeitet sich langsam hinein und es dauert. Da gibt es Leute, auf deren Urteil gibt man etwas, nicht, dass jeder jeden mögen würde, aber alles ist grundiert mit Respekt und manchmal garniert mit so etwas wie einer Teilzeit-Freundschaft, selten auch mit einer festen. Herzlich ist ein gutes Wort.
“I don’t think most fans of music realize how much of being in a band is about sitting around waiting for something to happen, it’s called ‘Hurry up and wait’.” Wahrscheinlich gilt dies sogar für alle irgendwie durch Menschen präsentierte Kunst, die eine gewisse Schwelle notwendigen Aufwands überstiegen hat. Einen vor 3 Stunden noch komplett mit Bier gefüllten Kühlschrank plötzlich völlig leer zu sehen, ruft immer ein wenig Ehrfurcht hervor. Momentfetzen sortieren sich im Kopf, genauer: sie fliegen durcheinander. Ob man Schifferklaviere ihrer klagenden Melancholie berauben kann?
Auf der Rückfahrt habe ich keine Kopfhörer in den Ohren, nichtsdestotrotz ist irgendwann der Ton weg. Leuna und Puff verpasse ich, das Themen diesmal: Erfolg ohne Marketing, sowie das Sich-Brüsten mit der Freien Szene seitens der Stadt, die sie fördertechnisch kaum mit dem Arsch anguckt. Ich muss öfter nachfragen, es beunruhigt mich nicht, im Gegenteil.



