Nach 12 sitzen sie alle nur noch herum. Nicht, dass es vorher anders gewesen wäre, aber die zeitliche Zäsur macht es gut klingen. Manchmal wechseln die Gruppierung, je nachdem, was sich gerade ergeben hat, wer gerade wen hasst, liebt oder mit Getränken bekleckert hat. Ein paar Leute spielen Jenga. Einer präsentiert seine mitgebrachte Feuerzange.
“Ja, war auch alles ganz schön mit ihr und geküsst haben wir uns auch, nur sie hat halt einen Freund, aber der wohnt in Wuppertal”, sagt er, der dazu seinen Kopf abwechselnd auf die linke und rechte Schulter pendeln lässt.
“Ja”, sagt sie, die das irgendwie nicht allzu sehr zu interessieren scheint und zieht die Hand von seinem Knie, denn immerhin ist sie ja selbst eine Frau, augenscheinlich nicht liiert oder wenn doch, dann wohnt ihr Freund wenigstens weit genug weg.
“34 Ebenen ist Rekord!”, sagt jemand von hinten.
Man könnte, wenn man wollte, sagen, dass das breite Polizeiaufgebot den Ausbruch des anarchistischen Chaos’ am Kreuz verhindert hat. Man könnte, wenn man wollte, sagen, das mediale Herbeisehen von Krawallen und der Aufbau einer kleinen Festung am Kreuz waren übertrieben, die Leute einfach friedlich und keine Randalierer per se. Am Ende jedenfalls steht ernüchternd: 3000 Menschen feiern friedlich am Connewitzer Kreuz.
Dabei hatte man doch schon fest damit gerechnet befürchtet, dass in Leipzig die Revolution ausbricht, extra mal wieder das halbe Kreuz abgebaut, Straßenbahnen umgeleitet, Straßen gesperrt, die Bild-Zeitung informiert und in der Zeitung die jährliche Panik verbreitet, die es anscheinend braucht, wenn im Zentrenpass des Connewitzer Kreuz’ schon von “Entwicklungspotenzialen für neues Wohnen” die Rede ist, so mancher Anwohner jedoch partout nicht ins Konzept zu passen scheint.
“Ich werde mich nicht an das 2010 gewöhnen können”, sagte er und ließ sich von der Straßenbahn hin und her schaukeln.
Der Boden war schwarz und eine einzige große Pfütze, wegen des Schnees, den die Leute mit herein schleppten und wegen des Drecks, den sie sowieso immer dabei haben. Die Heizungen röhrten, sodass man einen Schlag bekam, wenn man rein- oder rausging.
“Wieso?”, fragte ich und sah dabei zu, wie dicke Schneeflocken gegen die Scheibe patschten.
“Das ist eine völlig widersinnige Handbewegung”, sagte er.
“Häh?”
Er wirbelte mit den Fingern durch die Luft, um ein Tippen zu miemen, “Widersinnig, verstehst du?”
Die Straßenbahn hielt. Von vorn kam die Kälte, ein paar Leute setzten sich, der Schnee auf ihren Haaren wurde wieder zu Wasser und lief ihnen durchs Gesicht.
“Hm”, sagte ich, und nochmal, “Hm”.
Wie nach dem Schwimmbad sah es aus, von den Winterjacken einmal abgesehen. Alle waren müde, hatten nasse Haare und fuhren nach Hause, weil es Ärger geben würde, wenn sie nicht rechtzeitig wieder da sein würden. Die Türen piepten. Ich drückte auf den Knopf, die Tür sprang noch einmal auf und ich stieg aus. Der Schlag kam. Ich atmete einmal und ging zweimal, drehte mich um.
Da saßen sie nun und schauten auf den schwarzen Boden, mit nassen Haaren und müder Zufriedenheit auf den alten Häuten. Ich zog meinen Schal etwas enger und ging Richtung Café. Hier draußen war die Kälte und dort drinnen das Glück.
“Hier”, sagte sie oft, wenn wir hielten und sie die Sonnenblende herunter geklappt hatte, unter die sie immer ein paar Zehner geklemmt hatte. Vorher mussten die Gespräche gut gewesen sein. Man musste “Ja” sagen und “Das stimmt!”, gesagt haben, dann klappte sie die Sonnenblende herunter und sagte “Hier!”
Danach führ sie weg und ließ uns da. Manchmal dann saßen wir gemeinsam mit ein paar Robotern am Straßenrand und hörten dabei zu, wie in weiter Entfernung ein paar Kinder im Sand starben. Manchmal nahm es jemand auf und spielte es später wieder ab. Wir hatten ein bisschen Geld und das Glück in den Händen, die Zeit lief noch hinter uns im Schatten.
An den Nachmittagen spielten wir oft Basketball und verhöhnten die Betrunkenen, die vom Fußballplatz kamen am Samstag oder Sonntag, bis sie uns die Zähne ausschlagen oder nicht länger unsere Nachbarn sein wollten, einer warf mit Geschirr. Wir schwitzten viel und trugen oft die gleichen Sachen. Ich habe dieses Gefühl in meinem Kopf unter “Ultraschall” abgelegt.
Dann, im Sommer, saßen wir auf der Terrasse, aßen Seelachsfilet und Kartoffeln mit Zitronensauce, das sie gemacht hatte. Sie trug eine Schürze und es fühlte sich wahnsinnig schön an, in den Korbstühlen mit Polstern darauf und der Sonne, die nicht durch die Markise kam. Als die Sonne unterging, fuhren wir mit dem Auto über die Dörfer, sie fuhr und wir saßen im Kofferraum, weil sie auf der Rückbank eine schwere Kommode oder anderes hübsches Zeug durch die Gegend fuhr.
Wir schliefen oft im Garten, im Zelt und zogen uns eine Socke über die Finger, um bei Track’n'Field schneller rennen zu können. Drinnen spielte sie Modern Talking und tanzte ausgelassen. Wenn ich auf die Toilette ging und kurz ins Haus musste, dann ging ich ganz leise, obwohl es so laut war und beeilte mich. Er wartete meist im Zelt und hielt an.
Ich weiß noch, dass es zuletzt ein Schließer war. Soweit ich weiß, habe ich ihn immer in Uniform gesehen. Sie sah ein bisschen freundlicher aus, als die der Polizisten oder der Leute von der Bundeswehr, obwohl ich die nie wirklich gesehen habe. Da war er dann einmal beim Essen und es gab Würstchen oder so etwas. Sein Bruder hatte etwas Reis in Milch gekocht und auf dem Küchentisch verteilt, weil er es wie Sperma aussehen lassen wollte.
Vorher war es ein Bauunternehmer mit Locken. Es fühlte sich gut an, in der Einfahrt zu stehen und das Tor zufallen zu hören in der Nacht. Er aber schlug meist mit den Türen, ob beim Mann mit den Locken oder dem Mann mit der Uniform. Ich habe das nie verstanden. Aber wir versuchten, Hanffaden zu rauchen und kotzen danach in die Garage, weil es Industriehanf gewesen war. Manchmal rannte er weg und ich sah ihn zwei oder drei Tage nicht. Dann stand ich jeden Tag in der Einfahrt und spielte mit dem Ball. Ich habe das nie verstanden. Mir reichte das Sitzen in der Sonne, der Geruch nach frischen Zitronen und am meisten, wenn sie “Hier” zu uns sagte.
In me there have always been two fools, among others, one asking nothing better than to stay where he is and the other imagining that life might be slightly less horrible a little further on.