11.11.2009

Volkshaus Jena
20 Uhr

Haus der Pioniere, 20 Uhr

Wenn sich wenigstens Eines vom Enke-Tod lernen lässt, so doch banalerweise nur, dass Deutschlands Leidenschaft noch immer in zwei Extremen organisiert ist: Fussball und Simone Thomallas 19 Jahre jüngerer Freund.

Schon weit vor dem Slam2009 hieß es, dass es ein Fussballspiel geben werde. Ich dachte, es würde einfach das Übliche werde, ein paar Leute machen sich vorher aus, dass sie sich am letzten Tag ein bisschen Zeit frei halten, treffen sich dann und spielen ein bisschen. Diesmal aber sollte es anders werden, ganz anders. Diesmal sollte es einen richtigen Gegner geben, namentlich die Deutsche Autorennationalmannschaft, gegen die eine Auswahl von Slammern antreten würde. Zuerst war geplant, dass dieses Spiel direkt vor einem Ligaspiel der Fortuna statt finden sollte, was das Ganze im Einiges prestigeträchtiger gemacht hätte, aber dem Spaß auch keinen Abbruch getan hat, im Endeffekt ließ sich das große Stadion-Vorhaben dann doch nicht umsetze. Statt dessen verlegte man das Spiel einige Stunden nach vorn und ebenso in eine andere Spielstätte (und dort wiederum auf den Nebenplatz).
Problem dabei: Das Spiel fand jetzt um 11 Uhr statt und wie in Teil 2 nachzulesen ist, waren wir auf Grund unseren geringen Schlafaufkommens nicht sonderlich fit. Trotzdem haben wir uns halb 9 Uhr aus dem Bett geschält, zum Frühstück geschleppt, die Spieler stellten sich geistig auf sportliche, die Slam-Ultras auf gesangliche Höchstleistungen ein und dann ging es los, aufgeteilt auf einige Taxis zum Spiel. Dort trafen wir bereits auf eine ausgeruhte Deutsche AutoNaMa, die vorbildlich auf dem Platz stand und schon vor Anpfiff fleißig trainierte. Also schnell mit den Spielern in die Kabine, wo sie in schicke Düsseldorf-Trikots gezwängt wurden, die Ultras in die Vereinskneipe, um sie mit Energie/Bier zu versorgen und dann ans Feld bzw. hinauf aufs Grün, das irgendwie zwar grün war, aber gleichzeitig auch aus Plastik bestand und nicht so richtig Grasathmosphäre aufkommen lassen wollte.
Was folgt, ist auf Video fest gehalten, ein Spiel, das seine Intensität und Erinnerungswürdigkeit vor allem den Fans zu verdanken hat (und natürlich den beiden Torschützen auf Slammerseite, Renato Kaiser und Hanz). Für alle, die es noch nicht kennen, hier ist es:

Danach ging es für Julius, Christian, Felix, Hanz und mich zu Fuß in Richtung zakk!, wo das große Slammastertreffen statt finden sollte. Auf dem Weg dorthin kehrten wir nur kurz zur Rast bei der Lecker Bude! ein, um uns von der äußerst mitteilungsbedürftigen Imbissfrau mit Frikandeln bedienen zu lassen und über die in einem Meer aus Ketchup und Mayo ertränkten Pommes zu staunen, die man in Düsseldorf zu genießen weiß.
Weiter dann durch Düsseldorfs Hinterland, wobei ich auf halbem Weg die Hoffnung verliere, noch am gleichen Tag anzukommen, aber wir kommen an und es ist gut so, denn alle warten nur auf uns. Vorn auf der Bühne sitzt ein Sebastian23, dem es sichtlich gefällt, Organisator sein zu dürfen, denn immerhin ist er einer der glorreichen Recken, die sich bereits im letzten Jahr dazu verpflichtet haben, den Slam2010 in den Pott zu holen und irgendwie mit dem Festival Ruhr2010 zu verknüpfen. Neuerungen: Das Teamfinale bekommt endlich den Status, den ich mir immer gewünscht habe und wird von nun an am selben Tag wie das Einzelfinale statt finden. Noch neuer: Beide Veranstaltungen werden zu einer Veranstaltung gemacht, sodass jetzt nur noch 6 Teams im Teamfinale und 8 tapfere Einzelkämpfe im Solofinale stehen dürfen. Da haben die Teams schon ein wenig geschluckt, denn unter die besten 6 kommt es sich schon aus mathematischer Sicht doppelt so schwer wie ins 12er-Finale. Wir werden sehen. Weiterhin Neues: Die Slam2010 wird auf 4 Städte verteilt (Bochum, Duisburg, Oberhausen und Essen), weshalb man sich dann gut aussuchen sollte, wo man sich an welchem Tag zwecks welcher Veranstaltungen befinden will. Einzige Ausnahme: Die Aftershow-Parties sind immer zentral in Bochum in Hostelnähe. A propos Hostel: Gutes, von diesem Jahr Übernommenes: Die Slammer werden wieder alle in einer großen Unterkunft unterkommen, was garantiert, dass man auch jeden Einzelnen mindestens 30 mal während des Slam2010 zu Gesicht bekommen wird.
Beim großen Wettbewerb um den Slam2011 starteten dann Hamburg, Franken und Dornbirn (Österreich) ihre Offerten. Hamburg deutlich am coolsten, obwohl auf dem ersten Startplatz, Dornbirn verzichtet freiwillig im Rückblick auf die Präsentation der Hamburger, die einen wirklich wunderbaren Slam2011 verspricht, einzig die Franken probieren es doch noch, müssen sich im Endeffekt aber doch den Hamburgern bei der Abstimmung deutlich geschlagen geben, wobei alle hoffen, dass sie es dennoch im nächsten Jahr in der Abstimmung um die Ausrichtung des Slam2012 noch einmal probieren werden, denn irgendwie muss die Meisterschaft ja auch einmal wieder ins Land des Bieres.
Ansonsten nichts Nennenswertes, das mir im Kopf geblieben ist, man möge mich korrigieren, wenn das falsch ist.

Also noch schnell ins Hostel, gemeinsam mit Tom Boller, dem Organisator der KOHI-Slams in Karlsruhe, von dem ich bisher immer nur gehört habe und den ich auf Grund seines fahrbaren Untersatzes und der überaus netten Bereitschaft, uns mit zu unseren Schlafgemächern zu nehmen, erstmals kennen lernen durfte. Julius verfiel nach dem Duschen sofort in tiefe Vorfinalsstarre vor dem Fernseher, suchte sich noch ein paar Texte für den großen Auftritt zusammen und dann ging’s los Richtung Schauspielhaus. Jana, die den ganzen Tag auf Grund von Garnichtwohlfühlens im Bett verbracht hatte, tauchte auch wieder auf und alles war gut. Komischerweise fanden wir auf dem Weg zum Schauspielhaus nichts zu essen, weswegen wir uns dann doch noch einmal auf die ominöse Kö wagten, die uns ebenfalls in unserem Urteil: keine hübsche Stadt, mehr als bestätigen sollte. Zumal ich dort das seit langem schlechteste asiatische Essen gegessen habe. Julius begnügte sich da lieber mit Burgern, die ihm später noch zum Verhängnis werden sollten.
Danach und einen schönen Umweg mit Verlaufen später kamen wir doch noch irgendwie pünktlich zum U20-Finale ins Schauspielhaus. Die Qualität hat mich schon ein wenig geschockt. Nicht sehr viel Gutes dabei gewesen, bis auf jene 4 Slammer, die dann auch ins Stechen kommen sollten. Theresa Hahl, ganz groß, Larin Buser auch verdammt gut, aber am Ende gewann dann doch Yasmin Hafedh aus Wien.

Und dann strömten die Massen. Schnell rauchen, pullern, neues Getränk organisieren und wieder rein in die Stühle, denn dann ging’s los, das Grande Finale, in diesem Jahr wieder mit exzellentem Starterfeld, von Julian Heun, über Titelverteidiger Sebastian23, Christian Ritter, Scharri, Bumillo, Nico Semsrott, Björn Högsdal, Grohacke und Lara Stoll, sowie Dschälljess. Alles nette Menschen, toll. Moderiert haben Pamela, die uns am ersten Tag noch so freundlich zum zakk gelotst hatte und Markim, der vormittags noch schreiend mit am Spielfeldrand gestanden hatte.
Meine Güte, war das ein Fest. Ist mir zu viel, hier irgendwelche Prognosen oder Textauswertungen zu bringen. Aber Scharri, meine Herren, dieser Scharri, von Anfang an, schon beim ersten Finalauftritt war’s mir klar, dass der es machen wird. So verdient, wenn er eh schon alles abräumt und das auch noch immer zurecht tut. Soll er ruhig Champion werden, ein besseres Aushängeschild gibt es momentan vielleicht gar nicht. Um doch ein wenig Statistik mit einzuflechten: Damit ist der liebe Scharri auch der erste Nationalchamp, der beide Titel (Team und Einzel) im selben Jahr gewinnt. Glückwunsch und mächtig Respekt dafür. Und: Julius! Dritter! Wahnsinn! Der gewinnt auch noch einmal. Und TTZ hat hoffentlich auch mal Glück.

Danach After Show Party. Danach Laufen zum Hostel. Verlaufen auf dem Weg zum Hostel. Doch noch ankommen. Schlafen. Aufwachen. Autofahrt. Lang.

Es kann schon frustrierend sein, wenn im eigenen unmittelbaren Umfeld plötzlich alle beginnen, CDs aufzunehmen oder Bücher zu schreiben, also etwas Vorzeigbares zu produzieren. Natürlich gereicht das bloße Vorhaben, gereicht selbst die Umsetzung dieses Vorhabens noch lange nicht zu einem Produkt, das wirklich vorzeigbar wäre, aber die Tat an sich ist schon einmal vorbildlich. Vor allem, wenn einem die Möglichkeit dazu gegeben wird, man ihr nicht hinterher rennen muss oder sich das Rennen irgendwann von selbst auszahlt.

Wahrscheinlich aber reicht es vielen schon, einfach sagen zu können, dass sie gerade an “ihrem” Roman schreiben. Das ist leicht, wenn sie dabei das Gesicht zum inneren Schmerz verziehen können, den so ein Vorhaben einem abverlangt, ganz davon abgesehen, ob im Endeffekt wirklich ein Buch oder nur eine handfeste Lebenskrise daraus wird. Prestige ist ebenfalls eine schöne Droge, nur in ihrer Wirkungsdauer sehr beschränkt.

Aber so ein Buch, das will mit Herzblut geschrieben sein, das muss etwas sagen können über die Welt, da muss von den Literaturwissenschaftsstudenten später auf jeder Seite mindestens ein Grund für die eigene Verzweiflung an der Welt hineininterpretiert werden können. Denn der Künstler an sich unterliegt heute auch nur den Gesetzen des Marktes. Da kann ein zeitlich gut platzierter Freitod die Karriere schon noch einmal richtig ins Rollen bringen, vom anschließenden Mythos und eventuellen Legendenstatus mal ganz abgesehen.

Mittlerweile muss man sich fast fragen, ob jeder, der ein Buch schreibt, automatisch auch Krebs hat oder umgekehrt. Pervers, wenn man selbst so etwas vermarkten muss, bzw. schon irgendwie avantgardistisch und noch durchaus gut, wenn man so etwas als Erster startet und etwas Gutes abliefert, siehe Schlingensief. Die Idee ist schon nett, aber es wird dann bitter, wenn man im Nachhinein noch von hinten auf den Leichenzug aufzuspringen versucht, sich an die Verwesenden klammert und aus Mangel an Originalität darauf setzen muss, an der folgenden Tour de Farce zu verdienen.

Irgendwo zwischen übertheatralischem Auswalzen der eigenen Gefühle, dem Ausweiden jeden noch so kleinen Dramas und dem Punkt, an dem man etwas zu sagen hat, müssen sie schließlich liegen, die Geschmacksgrenze und die wirklich gute Idee. Auf sie zu warten dauert im schlimmsten Fall das ganze Leben lang. Schlimmer noch, wenn sie gar nicht kommt. Dann ist man ewig nur durch den Schlamm der Bedeutungslosigkeit gewatet und hat sie nie betreten, die Feldern des guten Geschmacks, die zum Glück von keiner obersten Kulturbehörde mehr gejätet werden, was im Gegenzug jedoch auch das Unkraut unkontrolliert sprießen lässt, vom dem manches wirklich hübsch anzusehen ist, aber der Großteil nur nervt.

Und was ich hiermit überhaupt ausgesagt habe, lasse ich mir lieber in 30 Jahren von Literaturstudenten in einer Masterarbeit über mein Gesamtwerk erklären.