Für den Moment zu leben heißt zwar, die Wogen des Augenblicks genießen zu können, oft aber eben auch der Kurzsichtigkeit anheim zu fallen.
Ein bisschen stehen mir ja die Tränen in den Augen, aber man muss die Kinder halt ziehen lassen, wenn es denn soweit ist. Gut, wenn man dann gerade eh den ganzen Tag am Bahnhof unterwegs ist und sie nicht umhin kommen, noch ein letztes Mal an einem vorbei zu müssen.
Alle Bilder gibt’s bei MySpace:
The Fuck Hornisschen Orchestra kurz nach Tourauftakt auf dem Weg hinaus in die weite Welt!
Wenn es regnet, ist das hier die grauste Stadt der Welt, denkt er. Die Häuser sind zu hoch gebaut und verfärben sich in der Feuchtigkeit. Der Himmel ist mit dunklen Wolken betupft und schmierige Wellen liegen auf dem Fluss, wie eine Haut auf seiner Oberfläche entlang krauchen sie und werden faltig, sobald sie ans Ufer schlagen. Es macht ihm nichts aus, dass es kalt ist.
Familien ziehen stoisch durch den Park, denn es ist Sonntag und später Nachmittag, fast Abend, und wenn es nach dem Mittagessen zu stürmisch war, dann ziehen sie die Prozedur eben nach dem Abendbrot durch. Der Vater raucht eine Zigarette und die Mutter zieht gern auch mal dran. Man muss ihnen ausweichen, denkt er, weil sie so unberechenbar sind, weil sie vor Glück nur noch taumeln können.
Manchmal weiß er nicht, warum er sich das überhaupt antut, das Vor-Die-Tür-Gehen, ganz unabhängig vom Wetter. Aber man muss auch mal vom Gegenteil überzeugt werden und sich dann überzeugen lassen, denkt er. Denn tatsächlich hört es auf zu regnen und es wird nicht sonnig und nicht warm, nein eigentlich ist es scheißkalt, wie er denkt, scheißkalt oder arschkalt, es gibt beides, aber es wird nett (und kalt natürlich).
Bald wird ein Feuer gemacht, das dann und wann umkippt und alle Herumsitzenden aufspringen lässt. So sitzt man denn da und sitzt und bespricht Dinge, die man immer bespricht, aber deshalb schon fast zur Tradition geworden sind. Wer sind die Guten hier in der Runde, fragt sich jeder und stellt doch nicht die Frage, um nicht die eigene Verwirrung preis zu geben. Es ist jetzt nicht mehr kalt, denn es gab und gibt eine Menge Bier und Wein (rot und weiß) und es werden Zigaretten heißt geraucht und schnell.
Dann: Jemand vergisst sein Bier bei den Pissoirs und stellt damit eine interessante Frage. Pinkelt jemand hinein oder denkt jeder nur, dass jemand hinein pinkeln wird, nur vielleicht nicht der Besitzer des Bieres, weswegen der es wieder holt und daraus trinkt, aber nicht sicher sein kann, ob nicht vielleicht doch, denn man würde im Falle ja sicher nicht zu Übertreibungen neigen!?
Aber dann ist der Spaß weg und es bleibt nichts als die Tortur des ewiglichen Verlaufens beim Heimgehen, wobei sich immerhin immer neue Ecken entdecken lassen und die Gleichgültigkeit allein Sicherheit schafft, dass es egal wäre, wenn vielleicht gerade jetzt wieder so eine Nacht wäre, von der in der nächsten Tageszeitung die Rede wäre, in einer kleinen Spalte, die dem Polizeibericht vorbehalten ist.
Was ihm im Kopf geblieben ist, als die Tür ins Schloss fällt:
- “Whisky-Cola hamm’se mir gegeben! Und ich wollt’ eigentlich schon längst im Auto sitzen, wenn’s knallt…”
- “Ja, jetzt steh’ ich hier und bin dicht.”
- “Wollten die Mädels Geschlechtsverkehr, ja? Aber war ihnen egal, mit wem, oder?”
und
- “Komm’, wir gehn’ noch in die ‘Tille, wir hamm’ Freikarten. Da schieß’mer uns richtig weg! Schieß’mer uns richteh weg!”
Ein echter Dichter würde sagen:
An den grün gestrichenen Hügeln, weit oben dort, bricht sich die Vergänglichkeit.
Arbeiter ernten den Weizen, der Sommer hält seinen Abgesang.
Er rauscht und grün schießt das Korn in den Hänger, mit Edelrost verziert.
Hier beginnt der Herbst.
Ein letztes Mal erhebt sich die Sonne über das kalte Tal und spendet ihm Licht.
Von hier wird es kälter, und Stoppeln, wo Ähren einst waren.
Aber ich sage:
Am längstem Bahnsteig Deutschlands (Gössnitz) fällt den Lok-Fans der Bierkasten um.
Ich weiß nicht, warum alle gern Diesel trinken.
Die Hools dann in Zwickau sehr freundlich: “Ist das hier Zwickau Ha Be Eff?”
Eine Mutti setzt sich weg.
Komm, wir fahren dem Sommer hinterher.
Nach Zwickau, wo die Familie noch weint am Zug.
Und zum Abschied singt dir laut der gemischte Lok-Chor ein Lied:
“Zwickau, Zwickau, Hurensöhne!”














