Airen: StroboIch glaube, ich habe den Link damals bei 500beine gefunden. Auf der Seite kurze bis schon recht lange Texte, die zu lesen es bei Blogs leider meist nicht lohnt, wenn man nicht auf verwässertes Nichts oder stetes “Look, what I found!” steht. Der Unterschied: diese Texte waren großartig. Manchmal kamen sie zahlreich, manchmal erst nach wochenlangen Pausen. Aber immer: klasse! Mal fast zum Heulen, mal lustig und meist etwas verstörend.

Airen hat es drauf, den Leser mit in seine Welt zu nehmen, die stets zwischen Gegensätzen, die krasser kaum sein könnten, oszilliert. Einerseits die Arbeit in einer Unternehmensberatung und andererseits die allwöchentlichen Exzesse in Clubs, zu Hause oder sonst irgendwo in Berlin. Ein ständiges Auf und Ab zwischen Drogen, Euphorie, Party und tiefer Hin- und Her-, wenn nicht Zerrissenheit. Dahingerotzt, wie es gerade aus ihm heraus kommt oder wunderschön umschrieben. Er schreibt so gekonnt, dass es einen ganz leicht von Seite zu Seite trägt, ohne dass man dabei Tiefe vermissen muss, und man fast ein wenig enttäuscht davon ist, dass man so schnell vorankommt. Das zeigt sich nicht zuletzt in Geschichten wie “11 Tage Knast” und “Schmutz und Glanz”, sondern auch und ganz besonders im Best of, das sich auf seiner Seite nachlesen lässt.

Irgendwann war dann Funkstille. Der Maßlose war augenscheinlich aus Mexico zurückgekehrt und hatte andere Sorgen. Ab und zu kam mal ein kurzer Text. Dann wieder Ruhe. Im Gästebuch stand etwas von einem Buch. Bei Amazon fand es sich tatsächlich. Kurz darauf konnte man es bestellen. Also bestellt.

Gestern kam das Buch. Es fehlen die Mexico-Geschichten, was eine Fortsetzung verspricht. Leider wird die sicher nicht so schnell kommen, allein des Verkaufs des ersten Buches wegen. Egal, auch wenn ich es viel zu schnell durchgelesen habe, ist es überaus gut und lohnenswert, es jedem zu empfehlen. Kann es ja nochmal lesen. Und hoffentlich wird es erfolgreich, was leider nicht gesagt ist, aber hoffen kann man ja. Ich wünsche es ihm jedenfalls. Dem Autor wie dem Buch.

Airen: Strobo
SuKuLTuR, 170 Seiten
17,00 Euro
ISBN-10: 3941592068
ISBN-13: 978-3941592063 Pick It!

Das kann ja nur der größte Spaß werden. Smaat (hier leider ohne Lars Ruppel) mit ihrem Hit “Ramona” (Direktlink).

Es macht Spaß, am Wochenende Gläser in Glascontainer zu werfen und dabei so weit wie möglich auszuholen, um die Gläser so laut und so kleinteilig wie möglich zerspringen zu lassen. Bis die Anwohner aus ihren Villenwohnungen schauen und mit dem Elfenbeinstock drohen. Das Gleiche dann unter einem dunklen Himmel zu tun, ist umso schöner. Wenn der Wind wieder neue Luft vom Meer mitbringt, die zwar schon ein wenig benutzt, aber immer noch irgendwie frisch riecht. Welcher ist der schönste Tag der Woche? Welche die beste Stunde?

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Als wir gerade draußen stehen und rauchen, fliegt ein Flugzeug Richtung Südvorstadt über unsere Köpfe hinweg. An seinem Heck hängt ein großes Banner: “Wählt NPD!” Wir alle schauen ihm etwas betreten hinterher, Luke reckt die Faust nach oben, so als könnte er damit etwas ausrichten. Wir horchen in die Betriebsamkeit des Vormittags, die immerzu von vorbeirollenden LKWs durchschnitten wird und warten auf die dunklen und dumpfen Schläge der Connewitzer Stadtteils-FlaK, die sich hoffentlich und pflichtbewusst darum kümmern wird.

Dead or Alive Poetry Slam auf der Pferderrennbahn Leipzig

29.08.2009
20:00 Uhr

“Ich war’s nicht!”, begrüßt mich eine blonde Frau vor der Laterne, an der morgens mein Fahrrad noch stand und mittlerweile zu liegen gekommen ist.
“Macht ja nichts”, sage ich.
“Ehrlich, ich war’s nicht. War schon so”, insistiert sie.
“Ja, schon klar.”
“Das lag schon, als ich gekommen bin”, redet sie weiter.
“Glaub ich doch”, sage ich.
“Schön”, sagt sie, schwingt sich auf ihr Fahrrad und radelt davon.
Weit kommt sie jedoch nicht. Die Straßenbahnschienen greifen nach ihren Fahrradreifen und scheppernd kommt auch sie zu liegen.
“Ich war’s nicht!”, will ich sagen, nachdem ich zu ihr gehechtet bin und ihr unter Autschs und Sss-Lauten ihrerseits wieder auf die Beine helfe.
Ihr blutender Arm und die in Fetzen gerissenen Stoffhosen verlangen aber trotzdem nach einem Krankenwagen.

Dann Biffy Clyro. 9/15ths an der Kreuzung und Warten. Nervös lasse ich die Bremse schnappen und ziehe sie wieder an, den Blick immer reihum nach jeder Seite, die dann und wann fahren darf, ab and an ein Blick auf die kleine, diskriminierende Fahrradampel. Die Reduktion des Menschens aufs Zweirad. Nicht einmal ein stilisiertes Männchen darauf, nur das Fahrrad.
Der Feierabendverkehr dröhnt und es wird einem schnell schwindlig, wenn man hier zu lang stehen muss. Neben mir ein Mann im Anzug, in Gedanken schon im Jogging-Anzug oder auf dem Stepper in der Fitnessklitsche. Who’s gotta match? Schön treibend. Auf der Querstraße vor uns springen die Ampeln auf rot. Ein dicker Rohrverleger (Rohrverleger-Rolf, Sanitäre Anlagen und Notfalltelefon aus Schkeuditz) hält gemütlich mit seinem kleinen Transporter.
Schöne Mopeds, denke ich, als hinter ihm zwei Motorräder heranrauschen. Kein Detail entgeht mir, als es dem einen von beiden wie in Zeitlupe das Vorderrad zur Seite zieht und das schöne Moped auf den Asphalt knallt, splitterndes Plaste und den irritierten Blick des anderen, eigentlich aller, inklusive.
Wie traurig er aussieht, als er es wieder hochzieht, der Spiegel ist ab, das Blinklicht hängt nur noch am Kabel, überall Kratzer und die kleine Frontscheibe in schimmernden Scherben.

Aus einer Tiefgarage hupt es mich an. Warnhupen oder Wuthupen? Man kann auch nicht einfach vulgäre Gesten mit den Händen machen, entweder man fliegt selbst noch hin oder riskiert, jemanden zu Unrecht zu beleidigen, obwohl er doch nur warnend hupen wollte: Obacht, mein Gefährt passiert sogleich diese uneinsichtige Schneise, bitte nehmen Sie Rücksicht, es geschieht um Ihrer Sicherheit Willen. Sich dann daneben zu benehmen fände der Heiland sicher nicht gut. Außerdem weiß man nie, wozu gestresste Schreibtischsklaven nach Feierabend fähig sind. Rennen einem womöglich noch hinterher, und wenn man dann rot hat, herrjehmineh.
Tatsächlich rot. Das bemerkt auch der dicke Rohrverleger-Rolf. Leider erst viel später als sein Vordermann. Reifenquietschen und ein ganz schön lauter Knall. Man glaubt es ja kaum, denke ich, dass Galileo Recht hat, wenn dort von übelsten Verletzungen bei Tempo 50 orakelt wird.
Beim Aussteigen hält sich der Vordermann auch schon den Nacken. Der schöne BMW, sicher geleast, Haufen Schreibkram, auch wenn es ja nicht seine Schuld war. Das war der Rohr-Rolf.

Eigentlich müsste ich mich jetzt überschlagen oder ein Kinderwagen von einem LKW quer über die Fahrbahn gerissen werden, denke ich, alles des Spannungsbogens wegen. Alles würde enden einer Wand aus Explosionen und ein ganzer Stadtteil würde untergehen. Welcher das ist, darf sich der geneigte Leser gern selbst aussuchen. Ganz //Stadtteil// würde in Flammen stehen und nichts als Ruinen und Asche bliebe zurück, Krawumm!
Aber nichts passiert. Ich überfahre keine rote Ampel und werde nur fast von einem, der es tatsächlich tut, am Hinterrad erwischt. Im Supermarkt kaufe ich eine Cola. Die gute.

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