Großartiger Gesprächsausschnitt, aufgeschnappt beim Slam:

A: “Den roten Faden hab’ ich nicht so richtig erkennen können.”

B: “Der war aber da!”

A: “Genau zugehört, aber nicht erkennen können.”

B: “Doch, den gab’s!”

A: “Ich hab’ assoziiert wie ein Blöder, aber bin nicht drauf gekommen!”

Andy Strauß sagte einmal so schön: “Ich mach’s wie alle anderen, die gar nichts können, und werd’ Gangster-Rapper.”, hier der Videobeweis. Dass sich mein Vorlesen nach Rapmanier anhört, wusste ich bis heute auch nicht, aber ebenso weiß ich jetzt, dass ich beim Sprechen anscheinend Unterdruck erzeuge, der Sogwirkungen produziert. Steht zumindest so oder so ähnlich heute in der Zeitung. Einen kleinen Auschnitt davon gibt’s hier. War sehr schön am Samstag. Dieser Herr hat gewonnen, völlig verdient. Einen kleinen Rückblick habe ich auch schon geschrieben. Tüdelü.

“Einfach kloppen oder aufm Gang anquatschen”, rät eine der beiden Frauen. Schön hier, im Sozialamt. Schöne kleine Schnörkel und Türmchen überall. Manchmal stürmt eine Asiatin aus einer der vielen schweren Holztüren und ruft noch etwas in den Raum hinein, das sich wie eine Beschimpfung anhört. Aber ein paar Minuten später kommt sie fröhlich mit Keksen und Kaffeetassen zurück. Immer und immer wieder.
“Sonst könnse hier den janzen Tach verbring” rät die andere und hebt ihr Kind hoch. Es leckt an der Sitzbank.
Grimmige Mitarbeiterinnen kommen aus den Büros und verteilen Formulare. Ich zögere.
“Na los, einfach anquatschen! Sie sind doch ein Schmucker.”
2 Brüder hat ihr Kind schon. Hat sie vorher erzählt.

Als ich das Märchenschloß verlasse und auf dem Burgplatz stehe, scheint mir die Sonne ins Gesicht. Im Bahnhof halte ich nach der Taube Ausschau, die in der Osthalle wohnt, mittlerweile aber auch auf dem Querbahnsteig Brot und Bagelstücke schnorren soll. Dann ein Tippen auf der Schulter.
“Train to Leipzig, please?”, zwei Japanerinnen. Herrlich.
“You already are in Leipzig.”
“Train to Leipzig, please?”, eine ältere Frau, wahrscheinlich die Mutter, steht daneben und grinst mich fröhlich an.
“You already are in Leipzig.”
“Leipzig, please?”
“This”, ausschweifende Geste, die viel Spaß macht, “is it!”
Glaubt sie nicht. Kurzer Blick zur Mutter. Sie grinst. Dann bemerkt sie es.
“Train to Dresden, please?”, hach, ist ihr das jetzt peinlich, so oft kann sie sich gar nicht verbeugen.

Am Westausgang beschimpft ein alter Mann die runde Frau, die auf der Poliermaschine über die Bahnsteige rotiert. Ich frage nicht nach.

I
Er war müde geworden, das sah man ihm an. Wie er auf dem Stuhl hing, anstatt auf ihm zu sitzen. Er hing nur, allein die Steifheit, die ihm seine Knochen gaben, hielt ihn noch zusammen. Sodass er nicht zerfloss und sich auf dem Boden verteilte, auseinanderbrach in viele kleine Kügelchen, die sich im Raum verteilen und verlieren. Da trank er Schnaps, der ihm wenigstens das Gefühl geben konnte, zu zerlaufen. Ich weiß nicht, welchen Schnaps, aber es muss billiger gewesen sein, den teuren hätte er sich gar nicht leisten können, denn er brachte ja nichts mehr fertig.
Sowieso sah man ihn selten draußen, aber wenn schon draußen, dann nur in der Kneipe, die lag bloß 50 Meter die Straße hoch und war ein gutes Alibi, um wenigstens aus dem Haus zu sein. Dort blieb er eine Weile, bis es dunkel wurde und kam erst heim, wenn niemand ihn mehr in der Küche erwarten würde. Da mussten es dann schon ein paar Schnäpse sein. Nach der Arbeit, vielleicht ab 16 Uhr, oder wenn er es wieder nicht zur Arbeit schaffte und die anderen von der Arbeit kamen, bis es dunkel war und das war im Sommer, ja, da mussten es schon ein paar sein.
Es muss dann auch schon etwas später gewesen sein, ganz sicher schon dunkel und eigentlich bald Zeit, wieder nach Hause zu wanken, mit einem kleinen Umweg, damit sich der Alkohol im Körper verteilte und nicht alles im Kopf hängen blieb. Zeit zu Gehen, hat er sicher gedacht und nur auf sich selbst gewartet, bis er fertig bringen konnte, den Rest aus seinem Glas in sich hinein zu schütten. Denn sparsam war er natürlich, wie alle, es gab nichts zu verschenken und selbst wenn es ihm egal war, verschenkte auch er lieber nichts, um nicht unnötig auffallen zu müssen.
Dort an der Bar, oder Theke, wie man sagte, Bars gab’s im Westen, die Theken im Osten, dahinter immer eine Kerstin, die die Drehung der Flasche bucchstäblich im Handumdrehen beherrschte. Dort saß er dann, mit dem Rücken zu allen, die er sich weg wünschte, oder wünschte er sich weg von ihnen, das weiß ich nicht. So oder so wäre es ja aufs Selbe hinaus gelaufen, also scheiß drauf. Er saß halt einfach da und kippte.

I can't go on, I'll go on. [Weiterlesen »]

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“15 Jahre lang!”, rief sie, “15 Jahre!”
Vorher hat sie gefragt, ob ich ein Süßer bin und ich muss sie ziemlich blöd angeschaut haben, ehe ich kapiert und sie mir ihre Pralinenschachtel hingehalten hatte. Aus Anstand habe ich eine genommen, und sie hat wiederholt darauf bestanden, ich solle doch 2 nehmen, wenn ich so ein Süßer sei.
“15 Jahre lang sind wir jedes Jahr in’ Schwarzwald!”, rief sie wieder, “3, 4 Mal’s Jahr, die Hilde und ich.”
Die Praline hat scheußlich geschmeckt. Ich wollte nicht unhöflich sein und habe das Ding herunter gewürgt. Ein Stück synthetische Aprikose, umhüllt mit Kokos und Schokolade, scheußlich.
“Mir sin’ gewandert und hamm’ gebadet. Und Kneipkur, kenn’ Sie Kneipkur? Kneipkur hamm’ wir gemacht!”
Ich wollte wirklich nicht unhöflich sein, und natürlich habe ich deshalb gesagt, dass mir die Praline schmeckt. Da hat sie mir gleich noch 3 weitere gegeben.
“Wassertreten, sowas! Die Pralinen könn’ Sie übrigens ruhig gleich essen, auch bei der Arbeit, ich erlaub’s Ihnen.”
Fuck. Ich wickelte das Praline sehr sorgfältig aus und sie guckte dabei zu. Alte Menschen stehen auf Wiederverwertung.
“Die Landschaft ist ja wirklich atemberaubend da unten. Und die Fahrt dahin macht mir gar nichts!”
Schon der Gedanke an ein Gemisch aus Aprikosen, Schokolade und Kokos.
“Aber jetzt ist das alles vorbei. Die Hilde wird nicht wieder. Alles vorbei.”

“Ich hab sie doch gesehen! Da, wo ich jetzt war. Im Heim. Grässlich, sag ich Ihnen. Wie die da liegen, könn’ sich gar nich’ mehr bewegen!”

“Die hat auch die Schwierigkeiten, die alte Frauen so haben.”
(Seelsorgerische Arbeit heißt auch, einfach mal die Fresse zu halten.)
“Mit der Blase, verstehen Sie?”
Ein Nicken reicht meistens. Der Zug fährt ein.
“Das ist alles so traurig. Aber wir müssen ja immer die Augen zusammenkneifen. Geht immer vorwärts!”
Die Praline hielt ich immer noch in den Fingern. Unhöflich und so. Gerade wollte ich aufstehen und ihr in den Zug helfen.
“Essen Sie ruhig, junger Mann! Brauchen sich nicht zu genieren!”
Augen zusammenkneifen und hinter damit. Geht schließlich alles immer vorwärts.