Dass er nicht gläubig war, sagt er. Und irgendwann fing er einfach an mit dem Beten.
Ich werde nicht nachfragen, wie man aus heiterem Himmel auf die Idee kommen könnte, zu beten.
Doch, ich kenne so etwas.

Ich erinnere mich an einen Urlaub. Eigentlich erinnere ich mich an mehr als einen Urlaub, aber eben auch an diesem einen. Wir fuhren nach Bulgarien, weil es billig war oder warum auch immer. Es gab noch keinen All-Inclusive-Tourismus und wir gingen jeden Abend essen. Da das Hotel kein eigenes Essen, aber trotzdem Halb- und Vollpension anbot und wir Halbpension gebucht hatten, schickte man uns immer in eine nahegelegene Kantine. Sie war etwas heruntergekommen und direkt an eine Automatenspielhalle angeschlossen, in der ich am Ende unserer 2 Wochen einen Haufen Kleingeld aus einem Automaten holte, dessen Wert etwa bei 3,50 DM lag. In der Katine gab es unser Essen, süße Spaghetti in sehr dünner Tomatensoße (auch süß) und anderes, ich erinnere mich nur an die Spaghetti, denn ich war meklig und weigerte mich, etwas Anderes zu essen.

Es ging wie von selbst. Man habe ihn nicht missioniert und ebensowenig wären sie hier, um zu missionieren.
Warum sie aber sehr schick gekleidete Amerikaner Anfang 20 sind und den ganzen Tag lang auf deutschen Straßen herumlaufen, Leute ansprechen und ihnen davon erzählen, dass sie nicht missionieren? Wer weiß.

An einem Abend wollten meine Eltern und Freunde, die mit uns gereist waren und ebenso ihren Sohn dabei hatten, abends ausgehen. Wir Kinder sollten im Hotel bleiben, ein Abend voller Trickfilme, Freiheit, naja. Nachdem ich feststellen musste, dass Trickfilme nur halb so lustig waren, wenn alle Stimmen von ein und demselben Synchronsprecher in tiefster Lustlosigkeit und breitestem Bulgarisch gesprochen wurden, und mein Gefährte keine großen Anstalten machte, irgendetwas Lustiges zu machen, sondern seit Punkt 9 Uhr im Bett lag, bettete auch ich meinen kleinen Körper zur Nacht. Ich setzte mir Kopfhörer auf, hörte eine Alf-Kassette nach der anderen und versuchte, dem bulgarischen Fernsehen irgendeine Faszination abzuringen, verstehen konnte ich ohnehin nichts. Irgendwann schlief ich ein und träumte von den besten Spaghetti, die ich je gegessen hatte: leicht zu harte Nudeln, getränkt in roter Soße mit etwas zu großem Fleischanteil, mit Käse überbacken.

Ich könnte vorbeikommen. Bibelkreis, Ring-Café, mit den großen Kreuzen an den Türen, Gespräche und alles Mögliche. Ob ich mich auskenne, mit der Bibel.
Nein, eine der wenigen Sachen, denen gegenüber ich mein Unverständnis ungeniert öffentlich zugebe.

Irgendwann nachts rüttelte mich etwas wach, mein riesiger Spaghettiteller verschwand. Mein treuer Gefährte saß völlig in Tränen aufgelöst neben mir und hielt eine Uhr in der Hand, kurz nach 2.
“Sie kommen nicht mehr zurück!” rief er, “Ist bestimmt was Schlimmes passiert!” Er knetete sein Kissen.
Ich weiß nicht, warum ich keine Angst hatte. Meine Eltern gingen manchmal weg, für mich eher Genugtuung als Grund zur Sorge. Nicht einmal böswillig gemeint, nur war ich ebenso gern allein, wie sie wahrscheinlich auch.
“Da ist nichts passiert. Die bleiben länger.”
“Nein nein nein, ich weiß es!”, wimmerte er, kroch aus seinem Bett und kauerte sich ans Fußende, “Lieber Gott…”
Es wurde unheimlich. Er hörte nicht mehr auf und steigerte sich in irgendetwas, das ich nicht verstand. Als wir vor etwas über einer Woche im Hotel angekommen waren, hatte ich sofort dessen Bauweise bestaunt. Es war terrassenförmig aufgebaut, sodass man prinzipiell vom obersten Stockwerk Etage für Etage herunter hätte klettern können. Ich überlegte, ob wir genau das im Notfall tun könnten. Aber wann war der Notfall? Jetzt, oder in einer Stunde? Und was sollten wir unten auf der Straße machen? Würde man uns an der Rezeption sitzen lassen? Die Polizei rufen, oder was?
“Bitte bitte mach, dass meine Eltern wiederkommen…”
Ich drehte die Kassette um und drückte auf Play. Er machte weiter. Nachdem er vorerst zu Ende gebete hatte und aus unerfindlichen Gründen etwas ruhiger war, kam er wieder an mein Bett.
“Darf ich mithören?”
“Nein!”
“Bitte!”
“Nein!”
Er dreht sich weg. “Lieber Gott…”
“Ist gut!”

Gott gibt den Menschen Halt in einem Leben, dessen Lauf zu verkraften für sie manchmal zu schwer ist.
Ja. Ich sage nicht, dass das Gleiche mit einem Stofftier ebenso gut funktionieren könnte. Und das gäbe es dann auch wirklich.

Bald kroch er mit unter die Decke und legte seinen Arm um mich. Es blieb unheimlich. Sehr.
Natürlich kamen unsere Eltern wieder. Natürlich hätte ihnen etwas passieren können. Mein Gefährte weinte wie verrückt, ich stellte mich schlafend und wurde in unser Zimmer getragen. Meine Eltern hatten einen schönen Abend, sagten sie am nächsten Tag.

Sie geben mir einen Gutschein für ihr Buch.  Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus.
Mein Respekt für ihrer Einstellung soll sein, dass ich den Gutschen annehme und ihn nicht wegwerfe. Nicht sofort. Ich stecke ihn vielleicht in meinen Kalender. Vielleicht vergesse ich ihn dort und werde mich so immer wieder an sie erinnern. So haben sie wenigstens etwas erreicht.

Wir gingen öfter auf den den Markt in Bulgarien. Ich mochte die Schnelligkeit und Lautstärke, mit der hier alles geschah, das Kaufen und Verkaufen und Feilschen, das Hallo und Auf-Wiedersehen. Jeden Tag sah ich einen Mann auf einem kleinen Fahrzeug. Er hatte keine Beine und nur noch einen Arm, mit dem er sich an einer Kurbel drehend fortbewegte. Er sang immerzu, glaube ich, oder klagte und es hörte sich nur nach einem sehr traurigen Lied an. Manchmal kamen Kinder zu uns, mit dreckigen Gesichtern. Sie lächelten und hielten uns ihren geöffneten Hände hin. Ich konnte das nicht sehen. Die Schwielen an ihren Händen und die Rippen, die unter ihren Hemden hervorschauten. Ich grub mich tief in die Seite meines Vaters und versuchte, mich auf das Singen zu konzentrieren.

Jeder sucht etwas, an dass er sich halten kann, er rückt seine Krawatte zurecht und fragt, in welcher Richtung das Stadtzentrum liege.
Ich zeige nach Osten.

Mein Gefährte sprang immer fröhlich umher und schaute sich Bilder an, die die Straßenzeichner machten.
Meine Eltern gaben den Kindern Münzen, jeden Tag, und bald kannten sie uns. Ich sah sie kaum an.

Dann wünschen sie mir einen schönen Tag. Ich solle vorbeikommen, wenn ich etwas Gutes für mich tun wolle.
Wir sagen nicht Tschüss.

Die Kinder stritten sich um jede der Münzen und meine Eltern mussten immer gleich viele verteilen, damit sie nicht böse aufeinander wurden. Stolz und mit fest geschlossenen Händen rannten sie los. Ein wenig abseits, etwas hinter einem der Stände, an dem man Töpfe verkaufte, stand ein dicker Mann. Sie gaben ihm das Geld und er ihnen eine Ohrfeige, wenn sie eine Münze verkrampft in der Hand zu behalten versuchten. Man hörte das Klatschen nie, dafür war es viel zu laut.

“Gebt den Lauten eine Bühne!”
Slam Poetry mit André Herrmann und Julius Fischer im Leipziger Hauptbahnhof.

Beginn: 17:00 Uhr
Dauer: 30min

Team Totale Zerstörung

Wer das Team Totale Zerstörung kennt, weiß , das wir harte Kerle sind. Wenn wir durch einen Ort ziehen, steigt die Geburtenrate, wo wir waren, ist der Boden unfruchtbar versalzen und wo wir sind, ist der Verfassungsschutz nicht weit. Man schaue sie sich an, diese Atzen, wie sie in die Welt hinaus haten und dabei auch vor Frauen und Kindern nicht Halt machen.

Das Team Totale Zerstörung ist nun ganz offiziell eine Rockband, die mit einfach zu krassen Texten so sehr polarisiert, bis man sie vorzeitig von der Bühne scheuchen muss. Danke, dass uns das ermöglicht wurde. Vielleicht kommen wir jetzt leichter bei einem Gangster-Rap-Label unter, wer weiß?

Grand Slam of Saxony am 24.07.2009 in der Jungen Garde, Dresden

Die nächste Detonation des Team Totale Zerstörung findet übrigens in etwas mehr als einer Woche, nämlich am 24.07.2009, in der Jungen Garde in Dresden statt. Sicher werden wir dort nicht vorzeitig unterbrochen, allenfalls wenn wir die Zeitbegrenzung nicht beachten. Unbedingte Empfehlung, denn dort kommen so viele tolle Leute. Hier kann man sich informieren. Oder hier.

Ein Gedicht für:

den Neoliberalismus,
den Leipziger City Tunnel,
den Spreewald,
Goldman Sachs
und alle Starbucks-Filialen dieser Welt.

I can't go on, I'll go on. [Weiterlesen »]

Alle Zweisamkeit scheitert notwendigerweise an der eigenen Traurigkeit.
Sie ordnet sich unter, geht fast schon verlustig, aber wartet geduldig.
Manchmal schlägt sie aus, um sich in Erinnerung zu rufen.
Dann ist sie wieder da, so unverändert, wie eh und je.
Die eigentlichen Beziehungen führt man nur zu sich selbst.