Wo: Filmhaus, Lübeck
Wann: 11.04.2009, 21:00 Uhr
Eintritt: ???
Die klassische Musik, die an den Ausgängen des Hamburger Hauptbahnhofs läuft, solle Obdachlose und Junkies verscheuchen, erklärt man mir. Im Internet ist zu erleuternd zu lesen, dass sich insbesondere Drogenabhängige bei der Beschallung mit klassischer Musik unwohl fühlen. Und so nah an den großen Einkaufsmeilen möchte man diese Menschen eben nicht. Obwohl sie ja in gewisser Weise auch selbst nur von der Stadt generiert sind, um das mal als Arbeitshypothese festzuhalten.
Nachmittags kann man wunderbar auf der Außenalster Tretboot oder, wenn man einer von der harten Sorte ist, Ruderboot fahren und bis nach Barmbeck und Eppendorf schippern. Wenn man es dann geschafft hat, innerhalb von 2 Stunden unter praller Sonne keinen Sonnenstich zu bekommen, so wird man wohl auch ganz von allein darauf verzichten, sich auf Wettrennen mit motorisierten Ausflugskänen einzulassen. Blasen kriegt man als Ruderlaie sowieso.
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In Lübeck gibt es keine Drogenabhängigen am Bahnhof, allenfalls Kahlgeschorene, die sich bei bestem Sonnenschein die Glatze verbrennen und für ihren heiligen Geschichtsrevisionismus durch die Stadt laufen. Und natürlich Marzipan. Die ganze Stadt lebt, abseits dieser Sache mit den Manns, vom Marzipan. Marzipan entsteht, wenn süße kleine putzige arktische Robben zu tief tauchen, dabei in unterruckbedingte Tiefseeströmungen geraten, die sie sehr nahe an unterirdische Magmaströme treiben, woraufhin sie schmelzen, aber auf Grund ihrer Dichte nicht aufsteigen, sonern auf den Meeresboden absinken, dort sehr langsam in der Erde versickern (erst dieser Veredelungsprozess macht aus der geschmolzenen Robbe echtes Marzipan) und schließlich Anschluss an den großen subterranen Marzipanstrom finden, der direkt nach Lübeck fließt. Dort gelangt der Marzipanstrom direkt hinter dem Stadtgraben wieder an die Erdoberfläche, wo die Lübecker Marzipaniés eine Abfüll- und Verpackungsanlage errichtet haben. Aber genug vom Marzipan.
Manchmal trifft man auch Menschen, die nachts durch die kleinen Gässchen schleichern, dabei ihr Handy wie einen Miniaturghettoblaster auf der Schulter tragen und schrabbelige Elektromusik hören. Man sollte nicht den Fehler begehen und einfach mitwippen, denn das kann zur Folge haben, dass besagte Menschen anhalten, ein kleines Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche ziehen, lasziv an der Klinge lecken und Dinge anbieten wie: “Ich mag Klingen! Kannst ruhig mitkommen, wenn du auch auf Klingen stehst!” und dann weiterziehen. Nicht aber, ohne sich in 10 Meter Entfernung noch einmal umzudrehen und das Angebot erneut zu wiederholen.
Herrjeh, da machen wir als Team Totale Zerstörung ( er und ich) extra einen Text über all die Jubiläen, die 2009 so gefeiert werden (viele Puderperückenmusiker, die Barbie und ein Ex-Diktator, um mal ein paar zu nennen) und dabei vergesse ich völlig das Jubiläum dieser Seite.
Herzlichen Glückwunsch also an mich, dass ich mich bis heute so erfolgreich lethargisch dagegen gesträubt habe, sie zu löschen und dankeschön an alle Leser, die ebenso tapfer durchhalten. Ihr seid top.
Achja, der dritte Geburtstag ist es.
Edit:
Ja. 764 Einträge, 270 Kommentare, 13 Seiten, 7 Kategorien, 110 Tags. Fett.
Die Modernisierungstheorie sagt, dass, wenn sich ein Staat modern genug geworden ist und eine Mittelschicht gebildet hat, die einen gewissen Wohlstand anhäuft und sich somit nicht mehr ständig um das nackte Überleben kümmern muss, dass diese Mittelschicht dann über ein Kontigent an Zeit verfügt, die sie selbst zu füllen hat, sei es nun mit gepanschtem Alkohol, Ballerman-Hits oder dem Aufstellen von vielsagenden Theorien.
Auf Phönix lief dazu letztens eine tolle Dokumentation, die hauptsächlich daraus bestand, dass man ältere DDR-Bürger zeigte, die in ihrem Schrebergarten in Leipzig-Euritzsch herumstanden, Wimpel an ihre Lauben nagelten oder ihren Stammtisch in der Kneipe als Gesangsverein tarnten. Dazwischen zeigte man Freizeit- und Stadtparks im Wechselspiel, die die Überformung der Freizeit hin zu Freizeitindustrie darstellen sollten. Man interviewte dicke Paare zwischen Eis und Cola und fragte sie, ob sie sich in einem Freizeitpark icht hintergangen fühlen würden (“Nein, natürlich nicht!”), wenn man sie glauben mache, das Hin- und Hergeschiebe auf Festwiesen und Erlebniseinkaufszentren wäre erholsam.
Quintessenz: Der Mensch verlernt, seine freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Statt bewusst etwas zu erleben – hierzu zeigte man lesende Menschen im Park, sowie einen, der einfach nur da lag und seine Bierflasche fest umklammerte – und dafür Zeit aufzuwenden, krankt die Erlebnisgesellschaft daran, nur erleben zu wollen, “ratzfatz von einem Event zum nächsten zu huschen” (um meinen Freund Julius Fischer zu zitieren), somit immer nur auf der Suche nach Extremen zu sein, die einem persönlich nichts bringen, aber Einiges abverlangen, und seine Zeit fortan alein in der höchsten Achterbahn, dem schnellsten Auto oder vor der tollsten Internetseite der Welt zu vertändeln.
Also: Browser zu, Computer aus, es ist Frühling.
Manchmal soll man ganz weit mit dem Zug fahren und weil der Automat einem sagt, dass es besser ist, eine Platzreservierung vorzunehmen, macht man das auch. Man steigt in den Zug ein und setzt sich auf seinen Platz, seinen rechtmäßig reservierten Platz, selbst wenn es unangenehm ist, Leute von einem Platz zu vertreiben, manchmal ist es einfach gut, einen Platz zu haben und wenn man dafür 1,50 Euro bezahlt, dann möchte man den ja auch nutzen, egal. Dann wieder kommen komische Menschen an, die einen aus dem Schlaf rütteln, dem rechtmäßig verdienten, egal, Schlaf jedenfalls, kommen diese Menschen an und sagen: “Entschuldigen Sie, ich habe diesen Platz reserviert!” Und weil man noch schläfrig ist und augenscheinlich auch verdammt doof, steht man auf, räumt seinen Platz und setzt sich woanders hin, denn mittlerweile ist wieder überall Platz, anstatt sich aufzuregen und zu schreien: “Sie erbärmliche Kreatur sind ein Lügner! Sie können gar nicht reserviert haben, Sie platzklauendes Monster, Sie Reservierungsnazi! Verschwinden Sie, oder ich werfe Sie durch dieses Zugfenster hinaus auf die Gleise!” Aber nein, man sitzt schon woanders. Und dort ist die Sicht eh besser.
Vorn sitzt ein Mann mit Aktentasche und jungem Mädchen neben sich, der krampfhaft versucht, sich ein Gesprächsthema einfallen zu lassen. Irgendwas Peppiges sucht er, man sieht das, wie es in seinem Kopf arbeitet, irgendwas, was diese junge Dame auch interessiert. Er überlegt und sinnt und denkt an die letzten Chartsongs, die ihm einfallen, aber außer irgendetwas von den Pet Shop Boys kommt da nicht mehr zu Tage, also lieber lassen, den coolen Musikinteressierten zu miemen. Ach, Scheiße, dann doch lieber Arbeit, denkt er wahrscheinlich und steht auf holt sich seine Akten aus dem großen Reisekoffer. Er balanciert sie auf seinem Schoß und schaufelt sich von Seite zu Seite und plötzlich, als sei es ein Witz, fragt sie: “Das ist ja interessant, was arbeiten Sie denn?” Ja, solche Frauen gibt es.
Ganz anders als die auf der anderen Seite des Gangs, die von dem alten Mann mir gegenüber ständig beäugt wird. Ein hübsches Wesen, muss man zugeben. Und er beäugt sie wie verrückt, kann seine Augen kaum von ihr lassen, tastet sie von oben bis unten ab, mit seinen Augen natürlich. Nicht mit den Händen, obwohl er dass viel lieber tun würde, man sieht das. Sie hat das sicherlich auch schon längst bemerkt. Ich weiß nicht, wie das ist. Ich werde nie angeschaut, im Zug. Nur wenn mir verrückte Reservierungsnazis meinen rechtmäßig reservierten… naja. Die hübsche Frau hat das ganz sicher bemerkt. So geht das eine Weile, er starrt, sie erstarrt, dann “Next stop Bielefeld” und sie schwupp aufgesprungen, aber statt eine schöne Handtasche oder Reisetasche zu Tage zu beförden, ist das erste, was sie von der Ablage über sich nimmt ein Fahrradhelm. Ja, richtig, ein Fahrradhelm. Es gibt immer einen Haken. Daran hätte er denken sollen, der Mann. Ist die Frau geradezu zu schön, so hat sie wenigstens einen Fahrradhelm dabei, den sie auch bereitwillig aufsetzt, selbst wenn sie nur kurz zum Bäcker fährt. Oder trägt Treckingstiefel, oder sagt “Latte” und “Cappu” und geht im Sommer “hiken”. Pfui.
Und manchmal klackert man ganz fix einen Text in das Notebook und irgendwann kommt jemand, der einem sagt, wie schön er ihn findet. Besser noch, er kommt und fragt, von wem der Text ist und man kann sagen: “Von mir!” und lächeln und denken: “Von wem denn sonst, du arrogantes Arschloch!”
Aber das ist eine andere, zusammenhängende Geschichte.













