Wenn ich DSDS gewönne, dann müsste ich zuerst einmal mitgemacht haben.

Aber das würde sich unter Umständen lohnen, denn immerhin scheint es einem zu so viel zweifelhafter Popularität zu verhelfen, dass man eigene Eventfirmen gründen oder sich zur Frau umoperieren lassen kann (dass das nur 50.000 Euro kostet, hätte ich ja nicht gedacht). Und dennoch hätte ich Angst davor, dass mir die Leute mein Myspace-Profil vollschreiben und mich mit Emails überhäufen würden. Ich lese die ja immer. Was komfortabel ist, wenn man nicht viele Emails bekommt.

Als Superstar aber bekäme ich sicher viele Emails.

Noch bevor ich Superstar werden würde, könnte ich mit den anderen Superstar-Aspiranten im Superstar-Aspiranten-Haus wohnen und mich ständig beim leben filmen lassen. Das wäre, als sei man der Bratwurstverkäufer vorm Leipziger Hauptbahnhof. Nur auch nachts. Ich würde jedenfalls im Superstar-Haus wohnen, mit ganz vielen lustigen Menschen. Mindestens einer davon würde rein gar nichts können, dafür aber bekloppt genug sein. Einer wäre der Schmusesänger, einer der Rocker.

Wenn ich Glück hätte, wäre ich der Rocker.

Ich würde bei Motto-Shows auftreten und mitmottieren. Ich würde 80er-Songs singen, oder wie es heute heißt, performen. Ich würde das Gleiche bei 90ern und all den anderen Jahreszahlen auch machen. Die Leute würden für mich anrufen, denn ich würde ja Superstar werden und dürfte nicht rausfliegen. Jedes Mal gäbe es große Tränen, die einer der anderen Verlierer am Jackett des Moderators abwischen würde. Dann müssten sie ihre gepackten Koffer nehmen und verschwinden. Und den Restlichen Teilnehmern dürfte es nur so lang etwas ausmachen, bis die Verlierer weg wären.

Superstars müssen hart im Nehmen sein.

Natürlich würde ich die Finalshow gewinnen. Gegen drei, vier andere Spinner. Die Verrückten hätte man schon in der vorletzten Sendung aussortiert, damit sie noch genug Zeit haben, kurz vorm Finale in Gurkenlaster zu fahren oder sich die Lippen durch Bockwürste ersetzen zu lassen. Ein eingeladener Spinner aus den Castings würde auftreten dürfen. Alle würden ihn auslachen, um nicht über sich selbst in Tränen auszubrechen. Und ich würde performen, dass die Geilheit aus den Flachbildfernsehern Deutschlands suppt. Alle würden für mich anrufen und mich zum König der Welt küren.

Ich würde glauben, jetzt bei den Großen mitzuspielen und ein Star zu sein.

Gemeinsam mit drittklassigen Produzenten würde ich auf Melodien, die noch auf einer alten Festplatte verstaubten, meinen Hit singen. Über Sommer, Liebe oder die Neogothik. Wenn ich wenigstens ein paar richtige Leute kennen würde, könnte ich kurzfristig drogensüchtig werden und viel Spaß haben. Bei einem Konzert in Cottbus würde ich plötzlich Angst bekommen, dass das Playback nicht funktionieren könnte. Ich würde Angst bekommen, dass alle Welt erfahren könnte, dass ich nicht besser bin als sie. Aber es würde noch einmal alles gut gehen. Und ich würde noch 3 Wochen so weiter machen, bis meine Chartplatzierung mit vom Label selbst gekauften CDs endlich einbricht.

Ich würde aufhören und wieder als Kanalarbeiter arbeiten.

Wenn ich Glück hätte, würde ich in zwei Jahren alles vergessen haben und nicht in Diskos auftreten.

Was sich der Großschriftsteller mit verwegener Kindheit und guten Kontakten erkämpft hat, muss der Lesebühnenautor mit reichlich Bier und seinem Geschlechtsteil kompensieren.

Wahrscheinlich stehen die echten Autoren Abend für Abend hinter dem Tresen, wischen Tische und vergeben Schnäpse, zumindest die Menschen, die etwas zu erzählen haben. Denn wenn der Trend schon dahin geht, die Wirklichkeit wieder auf den Plan zu bringen, man den Leuten aufs Maul schaut, bevor man ihnen textuell etwas auf die Fresse gibt, so müssen diejenigen, die den Stoff haben, jene sein, die nah am Leben sind.

Man kann versuchen, ganz ohne gleich in einer Kneipe arbeiten zu müssen, sich den Dingen nahe zu bringen und einfach andauernd in einer Kneipe sein. Zwischen Hans, dem alten Mann aus Chemnitz, der heute Abend nach Leipzig getrampt ist, um seine zwei Frauen zu besuchen, in der Hoffnung, sich mit einer von beiden wieder vertragen zu können und so einen Schlafplatz zu haben. Und zwischen Jonas, dem Punk aus gütbürglichem Hause in Pirna, der verständlicherweise nach Leipzig gekommen ist, darüber brauchen wir gar nicht sprechen, aber es irgendwie auf den Hans abgesehen hat.

Und man hört ihnen zu. Hans, dem alten Mann aus Chemnitz, der ein South Park T-Shirt trägt und das auch allen mitteilt, aber es dabei nicht als South Park, sondern als Süd Park-Hemd bezeichnet. Hans hatte Pech bei seinen Frauen. Beide haben sofort die Bullen gerufen, als sie ihn im Hausflur sahen, also nicht gleichzeitig, sondern jede für sich, in einem jeweils anderen Haus. Die Polizisten waren nicht nett, haben den Hans aber nicht mit auf die Wache genommen, weil sie ihn so an der Backe gehabt und dafür hätten sorgen müssen, dass der Hans auch irgendwie wieder nach Hause kommt. Deshalb sitzt Hans in der Kneipe und trinkt. Er weiß, dass er nach Hause kommen muss, aber er weiß nicht wie. Deshalb trinkt er. Um dieses “dass” und jenes “wie” loszuwerden.

Jonas hingegen ist aus gutem Haus. Er sagt das nicht und würde das auch nie zugeben, aber man riecht es ihm an. Am frisch gewaschenen und weichbespülerten “Fuck the System”-Shirt mit drei Ausrufezeichen, am Iro, für den er extra das teure Haarwachs nimmt. Er hasst Fussball und irgendwie auch Hans. Er lacht ihn aus und zieht somit doch nicht seinen Groll, sondern seine Zuneigung auf sich.

“Ey, kann ich heute bei dir pennen?”
Und Jonas spricht aus, was man denkt, wenn Hans nach einem Schlafplatz fragt.
“Ey, willst du mich ficken, oder was?”
Beziehungsweise spricht er es nicht aus.

Manchmal erzählt man zu viel. Und man ärgert sich über die autobiographische Färbung der Gesprächsthemen. Das ist zwar authentisch, aber auch nicht wirklich echt, wenn man nicht selbst Hartz IV empfängt oder Punk ist. In jedem Fall bewundert man die Kerstin, die Barfrau Kerstin, die in jeder Bar arbeitet und immer Kerstin heißt, vielleicht einer alten Barfrauendynastie entstammt und diesen Namen mit Ruhm und Ehre zu tragen weiß.

Und noch ehe man genügend mitbekommen hat, schlagen auch die Schnäpse wie kleine Granaten ein, die man hier zum Detonieren der Gespäche benötigt. Und man ist pflichtbewusst auf dem Weg nach Hause. Mit dem Wissen, kein Hans und kein Jonas zu sein. Was nicht schlimm ist. Aber auch keine Kerstin. Was bis auf den Fakt, dass man prinzipiell nichts gegen sein Geschlecht hat, irgendwie traurig anmutet.

Das Thema lässt mich einfach nicht los. Ich komme nicht davon weg. Privatfernsehen ist zu jener Droge geworden, die ich allabendlich heimlich konsumieren muss. Problem dabei: Der Konsum in den heimischen Gefilden ist nicht strafbar.

Jetzt! Die ganze Kleinstadt ist in Aufruhr. Die Lokalzeitung ist begeistert und titelt auf der Lokalseite. Ein neuer Stern ist da. Ein Mädchen hat es geschafft. Zu Deutschland sucht den Superstar! DSDS! In your face, motherfucker! Da wird die Musiklehrerin spontan neue Bewusstseinszustände erreichen und mit dem Tamburin durchs Klassenzimmer taumeln. Wenn sie ihr denn nicht immer Vieren gegben hat. Doch es heißt ja, dass es stets nur die Guten aus solchen Gegenden heraus schaffen in die Öffentlichkeit. Und genau das ist geschehen.

Jetzt steht sie da, im Fernsehen und alle sehen sie, fiebern mit, wie man sagt, und das trifft es ganz gut. Gemeinsam mit vielen anderen jungen Mädchen, die von sich sagen, dass DSDS alles für sie ist, obgleich man sofort zu zweifeln beginnt, ob sie bereits Anderes haben kennenlernen dürfen. Plus Jungs natürlich. Und es ist ja auch ganz einfach. Ein erfolgreicher Produzent verleiht für viel Geld seinen Ruf, seine Kontakte und seinen Erfolg an einige aufstrebende Talente und macht sie erfolgreich.

Dann ist die CD da und es wird durch sämtliche Shows getingelt, die bereitwillig all das nehmen, was das Privatfernsehen ausscheidet. Vormittags, mittags, nachmittags und nachts in der Wiederholung. Dazu die Konzerte. Überall und nirgends. Auch auf Dörfern. Aber das erst später. Autogrammstunden und lauter Poster in der Bravo. Hoffentlich behält man da das Geld beisammen.

Wie leicht man da aber auch vergisst, worauf der Erfolg so schwammig gebaut ist. Wenn man nicht gerade total verrückt, aber irgendwie gut, oder einfach außerordentlich gut ist. Aber das zeigt sich, sobald man auf eigenen Füßen steht. Der Produzent weg. Die Manager auch. Zumindest alles vorher noch Bereitgestellte. Oder was auch immer. So schnell fallen sonst nur Emos von Häuserdächern. Viel Erfolg.

Die Toilettenpapierhalterung im Bad müsste für Asiatinnen die Hölle sein. Sie klappert und klimpert, dass es für Stomp oder die Anführung eines Spielmannszuges reichen würde. Ich habe schon öfter gehört, dass für die Asiatin von Welt jedwede Toilettengeräusche schier unendlich peinlich sein sollen. Während sie früher deshalb andauernd die Spülung betätigt haben (Wie kann man dann noch zur Sache kommen?), haben die Toiletteninhaber des öffentlichen Raums auf diese Marotte reagiert und überall kleine Kästen aufgehangen, die auf Knopfdruck das Rauschen der Spülung imitieren, sodass Madame ungestört ihr Geschäft verrichten kann, ohne dabei literweise Wasser zu verschwenden. Vielleicht liegt hier der Knackpunkt der asiatischen Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Handel. Die Sache mit dem Aufschwung ist einfach: einen lokalen Überschuss produzieren (z.B. indem man Wasser spart) und dadurch den eigenen Exportsektor finanzieren (z.B. in dem man klospülungsimitierende Kästen baut), der so in Verbindung mit einer abgewerteten Währung billig Waren exportieren kann (10 Euro je Rauschekasten). Aber wir Ostkinder sind da nicht so zimperlich. Wir hatten garnicht die Auswahl, um wählerisch zu werden. Wir haben nicht einmal heute Bidets (geschweige denn solche abgefahrenen Dinger), obwohl ich mir das sehr lustig vorstelle. In einer Broschüre habe ich gelesen, dass russische Frauen etwas abfällig auf die Kleidungsgewohnheiten der Europäerinnen blicken, da sie nicht immer gleich alles zeigen, was sie haben und sich allgemein weniger hübsch anziehen. Dabei ist es gerade bei Russinnen interessant. Man sieht sie, die Frau fein gemacht bis auf die Achillesferse, mit High Heels, Minirock und einem Dekolette mit der Durschlagskraft einer Scud-Rakete, daneben trottet der Mann mit der Attitüde eines Baumstamms, dem man am oberen Ende eine Eisscholle zum Gesicht modelliert hat. Größer kann der Unterschied kaum sein. Da ist es verständlich, dass sich die Frauen hier anpassen und eben auch Trainingshosen tragen, wenn der Partner auf Feinrippunterhemden umschwenkt. Der große Clash der Kulturen. Wenn erst einmal die Wirtschaft durchglobalisiert ist und auch wir Deutschen beim Toilettengang ein stetes Rauschen vermissen, wird das sicher der nächste große Problempunkt. Dann werde ich zu alt zum Wehrdienst sein. Abgesehen davon, dass man mir ohnehin schon freiwillig keine Granaten in die Hand geben wollte. Ich werde dann meine High Heels abstreifen, mich in den alten Ohrensessel setzen und denken “Hab ich’s doch gewusst!”, während ich die Bernsteinverziehrungen an der Decke betrachte, im Fernsehen Livebilder von der Kaufhausfront sehe und meiner Frau die ausgeleierten Trainingshosen flicke.