# Man will sich ja wenigstens sicher sein

Der kleine Junge tappt etwas unruhig neben seiner Mutter durch die große Halle. Sie gehen die Treppe nach oben und man sieht, wie der Junge innerlich mit sich ringt. Immer wieder sieht er zu seiner Mutter auf, aber dann verlässt ihn der Mut. Als wir die Galerie entlang laufen, fasst er sich ein Herz.

«Mama, bin ich von der Straße?»

Sie runzelt die Stirn.

«Aber wir wohnen doch in einem Haus!», sagt sie und rückt ihrem Kleinen beim Gehen den Stehkragen zurecht. Wichtige Termine, ganz sicher.

Er aber findet allenfalls, dass das war keine befriedigende Antwort war. Es dauert noch eine Weile, ehe er sich traut noch einmal nachzuhaken.

«Max sagt, er ist einer von der Straße.», wirft er ein.

«Quatsch!», die gute Frau muss ihm auch alle Freude nehmen. Gerade eine Identifikationsfigur gefunden und schon wird sie mit einem Wort aus der potentiellen Wahrheit gefegt. Sie gehen Wortlos bis zu den sich anschließenden Korridoren und steuern auf ein paar Stühle zu, die für die Wartenden aufgestellt worden sind. Die erdrückende Stille schneidet Stück für Stück das Gebäude von der Außenwelt ab. Der alte Mann gegenüber scheint Angst zu haben, dass die Zeit ebenfalls dran glauben muss. Wartend zu sterben war noch nie sehr vorteilhaft.

Nach einer Weile durchbricht ein Zucken des Jungen die Ruhe:

«Wie Sido, Mama! Von der Straaaaaße, checkst du das nicht?», ruft er aufgeregt und zieht an ihrem Arm. Alle schauen sie an. Sie checkt’s echt nicht.

# Unser Winter II

«Die Gänse kommen aus dem Süden zurück. Der Winter geht also vorbei …»

«Ja. Und wenn die Gänse in zwei Wochen tot auf den Feldern herumliegen, dann haben sie sich eben geirrt.»

Er sagt es so kühl und rollt das R wie einer der Dubliners, so perfekt zynisch inszeniert, dass ich glaube, aus dem Lachen nicht mehr heraus zu kommen.

# Von der Rezeption des Sehens violetter Männchen

Flickr: Thomas Hawk: Photoblogger
Foto von Thomas Hawk

Im Sport: Überleben heißt Wachsamkeit.

Im Film: «[...] inability to cope with the forces in the world that he perceives to be threatening [...]» (Lillian Thurman in Donnie Darko)

In der Philosophie: Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung ob der Nicht-Feststellbarkeit von Realität.

In der Musik: «[...] I watch from the other side. [...]» (Powderfinger: My Kind Of Scene)

In der Malerei: «Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes. (Salvador Dalí)

In der Literatur: Das ist ja höchst kafkaesk!

In der Politik: Sicherheit.

Im Idealismus: Freiheit.

In der Psychologie: Paranoia.

# Aphorismen des Tages [107]

Eigentlich dürfte man sich nicht von blinden, matt geschliffenen Tagen aufsaugen lassen, ohne auf die Beschwerlichkeit der folgenden Stunden gefasst zu sein. Das Hinaufsteigen der kalten Sonnenstrahlen kommt immer gleichsam mit deren Verschwinden. Und zurück muss man fallen.

Was uns in den Städten hält, ist die beruhigende Gewissheit, immer vor Augen haben zu können, doch nicht allein zu verfallen. Aufs Land zieht uns nur die Säure dieser Gewissheit, fast schon die Hoffnung, es möge nicht so sein.

# Crash

Crash

It’s the sense of touch.
Any real city,
you walk.
You know?
You brush by people,
they bump into you.
In L.A. nobody touches you.
We’re always behind this metal and glass.
It’s the sense of touch.
I think we miss that touch so much
that we crash into each other
just so we can feel something.

Es ist seltsam, die Interpretation eines Filmes gleich zu Beginn von einer der Figuren erzählt zu bekommen. Man könnte meinen, nichts mehr über Crash von Paul Haggis sagen zu müssen. Nicht, weil der Film schlecht ist, nein, ganz im Gegenteil, weil der Film sich selbst zum abstractum erhebt und gekonnt mit dem Hauch von Ironie spielt, die eigenen Figuren über den Handlungsverlauf selbst reflektieren zu lassen. Crash, dem Episodenfilm aus dem Jahre 2004, wohnt eine noch stärkere Kraft inne, als sie Magnolia 1999 mit in die Kinos brachte.

I can't go on, I'll go on. [Weiterlesen »]

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