Peter hatte schon ein paar Semester Technik auf dem Buckel, als ich mich im Sekretariat für BWL einschrieb. Eigentlich lief schon unsere erste Begegnung nicht besonders gut. Ich hatte gerade meine Schlüssel von der Verwaltung geholt und wollte eigentlich nur mein Zimmer, das ich wenigstens für die nächsten Monate haben sollte, sehen.
«Was willst du?» grunzte mich Peter sofort an, als ich zum ersten Mal klopfte. Ich tat, wie man mir unten gesagt hatte, nannte ihm meine Matrikelnummer und zeigte brav meinen Zimmerschein, als hätte ich es mit einem Kontrolleur der häuslichen Wasserzähler zu tun. Und er verdrehte bloss die Augen.
Entgegen der nicht zu verachtenden Zahl derer, die das Christentum, oder den Glauben an sich dieser Tage neu entdecken, nährt sich eine genau dem entgegen gesetze Haltung immer mehr. Eine alte Frau erklärte mir unlängst rührselig, dass sie zu leben einfach müde geworden sei. Mittlerweile wünsche Sie sich nichts sehnlicher, als nach einem letzten guten Tag nicht mehr erwachen zu müssen. Sie habe ein schweres, aber letztendlich gutes Leben gehabt, sagte sie.
Wenn man in einem christlich geprägten Land aufgewachsen ist, kommt man nicht umhin, der eigenen Meinung zum Trotze sich automatisch ob einer solchen Aussage schockiert zu fühlen. Obgleich die Gesundheit und der Respekt der Frau vor dem Leben bewundernswert für mich waren. Ich drückte ihr mehrmals die Hände, als ich ging und wünschte ihr nur das Beste.
Ich verstehe solche nicht, die ohne Musik, ohne Literatur, ohne Tanz, ohne Malerei, ohne Schauspiel, ohne Bildhauerei und so fort leben können. Vielleicht wissen sie nur nicht, was ihnen fehlt. Manchmal mag man sie beneiden. Jedoch nie um den gedanklichen Aspekt. Niemals.
Erschütternd und beruhigend zugleich, wie Schwere und Leichtigkeit so schnell zu wechseln vermögen, wie mit einer Sekunde ein ganzes Leben in sich zusammen fallen kann, ja wie nah das alles bei einander liegt. Man mag leichtfertig grundlos sagen, aber das ist nicht korrekt.
Zu schreiben und damit das Gefühl aneinandergereihter Töne erzeugen können. Töne, die erschüttern und aufbauen zugleich. Bilder zu malen oder zu zeichnen, die alles Flüchtige und unbewusst Wahrgenommene sichtbar machen, solche die zeigen, wie sich dieses oder jenes anfühlt. Zu tanzen und durch elegant gewählte Bewegungen zu sprechen, als monologisiere man besser als die größte Akteur. In der Materie feste Skulpturen schaffen, die man als Betrachter tanzen oder weinen sieht. Und dazu Musik zu zaubern, die selbst den Kraftvollsten in nicht einmal fünfzig Sekunden zu Grunde gehen lässt.
Nachdem Schipinsky, den alle wegen seines unausprechlichen Namens nur Schippe nannten, und ich dazu verdonnert worden waren, ein halbes Jahr lang jeden Freitag nach Feierabend die öfen für die Schicht des Samstagvormittags zu beladen, führte unser Weg nach Feierabend größtenteils direkt in eine Kneipe. Meist landeten wir dabei im Tau, einer versifften, aber nichtsdestotrotz sehr beliebten Kneipe, die gleich auf dem Nachhauseweg lag und gehäkelte Gardinen in den Fenster hatte.
Der Laden hatte zwar den perfekten Ein- und Ausgang für jeden Trunkenheitszustand, mit drei Stufen nach oben, über die man in den Laden hinein-, bzw. drei Stufen nach unten, über die man aus dem Laden hinausfallen konnte, dafür aber das schrecklichste Ambiente überhaupt, wie ich fand. über den runden Tischen hingen sehr tief verqualmte Lampen, die senffarbenes Licht auf die meist welken Blumen in der Mitte und den Aschenbecher warfen. Dazu klimperte dieser verdammte Spielautomat ununterbrochen seine nervenzerreissenden Töne durch den Raum. Schippe interessierte das nicht sonderlich. Das Bier schmeckte einheitlich wie überall und kostete aus dem Glas sogar weniger. Und mir war es nach den ersten Runden bisher auch immer egal geworden.
Bauchschmerzen wie Presswehen beim aus dem Fenster Sehen.
Rasch Aua.
Ein Clochard mehr aus der U-Bahn geworfen worden.
Zum Trotz mit ausgestiegen, die Arme vor der Brust verschränkt.
Keiner etwas bemerkt. Hatten es eilig.
So funktioniert Protest nicht.













