Eine undankbare Aufgabe, dachte Joshua. Er musste die Handschuhe ausziehen, um mit den Fingern überhaupt die Flaschen anständig greifen zu können. Die erste war schon vor dem Container zu Bruch gegangen und hatte eine unangenehme Art von Aufmerksamkeit auf ihn gezogen. Die alte Dame, die ungeachtet der scheiss kalten Minusgrade, wie sie Joshua gern bezeichnete, aus ihrem Fenster hing und auf die Straße glotzte, beäugte ihn jetzt noch misstrauischer. Wenn sie überhaupt noch etwas merkt, dachte er. Sie könnte ja genau so gut schon längst eingefroren sein. Oder auch so nichts mehr mitbekommen. Wenn man bedenkt, sie könnte das ja schon einige Jahre so machen. Von früh bis spät starrt sie hier herüber. Man muss sich in Bewegung halten. Ab und an wieder etwas ungewohntes tun, damit das Blickfeld nicht zum Stillleben wird, schloss er vorerst.
Der Himmel sieht wie ein liederlich bemaltes Stück Papier aus. Als hätte man sich nicht besonders viel Mühe beim Mischen der dunklen Farben gegeben und viel zu viel Wasser benutzt. Dort, wo es gewellt nach vorn steht und ein weniger heller im Licht schimmert, sagt man, seien Wolken. Das Laub knistert wie frischer Rollrasen im Hochsommer. Irgendwie sieht alles unecht aus. Es passt nicht recht, wenn die Tage auf ein Minimum reduziert werden und man den Vormittag im Halbdunkeln vor sich hin dämmert.
»Platz da! Plaaatz daaa!«, brüllt die komische, alte Frau, die schon seit einer Weile den Bahnsteig hinauf und wieder hinunter schlürft. Ihre Hosen stehen von angetrocknetem, dreckigen Wasser weit nach vorn ab, sodass ihre Beine in ihnen hin und her schlackern, dass es nur so floppt in der kühlen Luft. Die anderen Leute hier starren sie an, und ich muss mich zur Vernunft rufen, dass ich nichts Anderes tue, als ihr hinterher zu gaffen.
Es ist dieselbe Luft wie gestern, die wir atmen. Die Nacht hat sie irgendwo im Norden verbracht, sagte die Wetterfrau vorhin. Und nun ist sie wieder da. Ausgeruhter, aber nicht völlig unverbraucht. Sie will sich nicht von den Leuten abheben, die sie atmen. Verständlich.
Was die Tage, diese künstlich eingeteilten Abschnitte, in die man die Zeit zwängt, um sie überhaupt irgendwie fassen zu können, zusammen hält, hängt an den Handgelenken der geschäftigen Männer dort drüben. Die dicken Uhren aus Metall mit glänzenden Lederbändchen. Sie hetzen dem hinterher, was sie selbst gebaut haben. Am Wochenende traf ich den aalglatten Mann mit Glatze und grauem Anzug auf der Promenade. Er war auf dem Weg in den Zoo, um nachzusehen, ob sich die Tiere von nun an selbst in die Käfige sperrten. Ja, manchmal kann man ein wenig den Zweifel an seinem Augenlid aufblitzen sehen, wenn er darüber nachsinnt, ob es eine Unvergänglichkeit für ihn gibt.
Keine Zeit zum Nachdenken. Ich streife zum Abschied mit den Fingern am Himmel entlang, um das raue Papier zu spüren. Der Zug kommt. Wir sehen uns morgen. Beeil dich, bitte.
Jemand hat zwischen einem Augenblinzeln das alte Poster vom Himmel gerissen. Jetzt liegt er da, kalt, ein bisschen stumm und ziemlich kahl. Hell vorallendingen. Und ein bisschen schimmlig vom Regen darunter. Aber alles in allem sehr schön. Wie die dünnen Papierdecken, welche man über die Bühnenbilder hängt, durch die sich das Licht mehrmals bricht und kleine Eisblumen auf das Parkett sprenkelt, so hängt er über dem Vormittag und schaut in die Welt.
Die Brücken vibrieren wieder, als würde die Stadt auf etwas warten, als müsste heute etwas passieren und die verrückt spielenden Ampeln wären nur ein kleiner Vorgeschmack darauf. Es wäre etwas, dass allen Leuten ein Lächeln auf die Lippen legt und ihre Herzen im Brustkorb tanzen lässt, frei von den gedanklichen Ketten an morgen oder die nächste Miete. Man würde glauben, man wäre so früh aufgestanden, nur um das mitzuerleben.
Wir sitzen hoch oben, dort auf dem Bogen, an dessen Fuss Betreten verboten! Lebensgefahr! steht, und tupfen mit den Fingern ein hübsches Wolkenmuster auf den blanken Untergrund. Du sagst, dass ich keine Angst haben muss, denn solang ich nur nicht allzu fest aufdrücke, machen sie keinen Regen. Und ich glaube es.
So wird es ein schöner Tag. Wenn wir nachher dort oben spazieren gehen, vielleicht finden wir das alte Bild. Nur die Signaturenkürzel lassen wir weg. Geschenktes Glück, wenigstens für ein paar Stunden.

Der Tag verlangsamte sich mit dem Aufgehen der Sonne. Die vielen Menschen auf der anderen Seite müssen ziemlich geächzt haben, denn besonders hoch haben sie sie nicht ziehen können. Die Welt auf Halbmast und das Leben wieder einmal aus der Spur. Weit ab von allem. Und mit einem Blick durch tausend dumpfe Scheiben Glas.
Daran ändert auch der milchige Regen nichts mehr, der sich in einem dünnen Film seinen Weg über die Oberfläche bahnt, ein dünnes Zelt über jedes Haus und jeden Busch spannt. Aus den Wolken linsen die letzten weissen Fäden, deren Ende nicht bis auf den Boden reicht und ihnen die Last nimmt. Ein paar Clochards summen in der Ferne ein improvisiertes Requiem.
Wenn die Musik verstummt, hat es geheissen. Wenn sie verstummt.
Nach einem recht großen Ansteigen der Suchanfragen in puncto Neunzehnhundert.org ist es wohl wieder einmal an der Zeit, hier einige ausgewählte Begriffe auszustellen. Die Phrasen sind wie immer gruppiert und mit einem kleinen Kommentar versehen.













